Sie bringt bloss noch die Superfans zum Weinen

Janet Jackson wurde weitgehend aus den Pop-Annalen getilgt. Am Sonntag trat die 53-Jährige am Montreux Jazz Festival auf. Zeit für ein Revival?

Wo bleibt die Stimme? Janet Jackson am Montreux Jazz Festival. Fotos: Marc Ducrest (FFJM 2019)

Wo bleibt die Stimme? Janet Jackson am Montreux Jazz Festival. Fotos: Marc Ducrest (FFJM 2019)

Wer an die weiblichen Superstars der Achtziger- und frühen Neunzigerjahre denkt, denkt an Madonna, an Whitney Houston oder Mariah Carey. Vergessen geht da meist eine Frau, die seit «Nipplegate», dem berühmt gewordenen Busenblitzer während der Superbowl 2004, aus den Pop-Annalen getilgt wurde.

Es ist Janet Jackson, die weit über 100 Millionen Alben verkauft hat und 1986, als Feminismus und das Wort «Empowerment» im Mainstreampop noch keine Kernbotschaften waren oder – wie dies in letzter Zeit immer häufiger geschieht – zum guten Marketington gehörten, ihr Album «Control» veröffentlichte. Die jüngste Schwester von Michael Jackson sagte sich mit diesen Songs von ihrem Familienclan los, vor allem von ihrem Vater Joe, und machte klar: «No, my first name ain’t baby.» Und wer dieses Album und die folgenden Songsammlungen wie «Rhythm Nation 1814» wieder einmal hört, wird gewahr, wie wichtig Janet Jackson für den Pop noch immer sein sollte. Black Lives Matter, sexuelle Selbstermächtigung? Alles schon da bei Janet Jackson.

Nur zwei Europakonzerte

Es wäre also eine gute Zeit, die heute 53-Jährige zu feiern. Doch wie kraftvoll, wie emanzipatorisch und selbstbestimmt Janet Jackson einst war: Man hört es am Sonntagabend in Montreux, wo sie eines von nur zwei Europakonzerten spielte, nur selten. Aber man erhält eine Ahnung davon, wenn sie Quincy Jones’ Konzertansage, in der sich der Superproduzent an die 12-jährige Janet erinnerte, recht brüsk ins Leere laufen lässt. Und trotz seinen «Janet, Janet»-Rufen nicht auftaucht.

Ihre blosse Anwesenheit reicht für die Superfans: Janet Jackson in Montreux.

Stattdessen startet die durchgetaktete Show mit Tanzchoreografien, einer sehr genau spielenden Band, die den harten Funk wie den Schlafzimmerballadenton beherrscht, und Ventilatoren, die Janet Jacksons Haare dramatisch aufwehen. Und natürlich tränen in den ersten Reihen bald schon die Augen angesichts von Janet Jacksons immer noch vorhandener Superstar-Aura.

Bei weitem nicht ausverkauft

Es ist ja auch eine losgelöste Stimmung im bei weitem nicht ausverkauften Auditorium Stravinski, weil die meist nur kurz angespielten Songs aus ihrer Karriere, die während des gut 75-minütigen Auftritts gegeben werden, und die blosse Anwesenheit für die Superfans bereits ausreichen für ein grosses Konzert.

Das beginnt mit «That’s the Way Love Goes» und «Got Til It’s Gone» mit dem brillant eingesetzten Joni-Mitchell-Sample, es gibt «Control»-Klassiker wie «What Have You Done for Me Lately», in dem sie ihrem Lover ultimativ klarmacht, dass er sich wieder mal ein bisschen für sie anstrengen sollte, und man hört das ausgelassene «Together Again» oder die Sex-Ballade «Moist» ab ihrem bereits geächteten Album «Damita Jo», das kurz nach Nipplegate erschienen ist.

Was kommt eigentlich ab Band, und was singt sie selber?

Aber die Stimme von Janet Jackson, die ohnehin nicht zu den stärksten gehört: Sie ist an diesem Abend kraftlos und kaum wahrnehmbar; man hört sie dann am besten, wenn Jackson das Publikum dazu aufruft, mitzusingen. Oder wenn sie ruft: «I can’t hear you». Und was kommt eigentlich ab Band, und was singt sie selber?

«Made for Now» heisst der letzte Song des Abends, der die ultimative Gegenwart behauptet. Bei aller Aktualität ihrer Klassiker: Janet Jackson wirkt beim Verlassen der Bühne, als sie noch rasch «we need more love» ins Auditorium ruft, nicht unbedingt so, als sei sie für die Gegenwart gemacht. Das Superstarzeitalter: Es ist nun mal vorbei.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt