Sie lebt

Ein Abend der Erinnerungen: Patti Smith und ihre Band führten am Freitag in Zürich das Debüt «Horses» auf.

Grosse Performerin: Patti Smith in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Grosse Performerin: Patti Smith in Zürich. Foto: Ennio Leanza (Keystone)

Der Himmel hat am Freitagabend seine Schleusen weit geöffnet. So, als weine er mit, als Patti Smith im Innenhof des Zürcher Landesmuseum die Namen jener verlas, die alle nicht mehr unter uns sind: Jimi Hendrix, Jim Morrison, Amy Winehouse, Janis Joplin, David Bowie, Ehemann Fred «Sonic» Smith» oder Anthony Bourdain, jene so inspirierende Person, die am Tag des Konzerts tot aufgefunden wurde. Patti Smith rezitierte diese Namen in «Elegie», jenem trauernden Stück, das ihr Debüt «Horses» still beschliesst. 1975 ist diese Platte erschienen, mit der die damals 28-Jährige von der New Yorker Lyrikerin zum Rock-Idol wurde und die sie mit ihrer Band im Rahmen des «Unique Moments»-Festival nun integral aufgeführt hat.

Natürlich: Es war ein Abend der Erinnerungen, und dies nicht nur wegen dem Gedenken an all die Personen, die verstorben sind. Es war nämlich auch ein Abend, der wieder einmal daran erinnerte, dass Patti Smith – so banal das nun klingt – überlebt hat, und noch immer lebt: als Weise des Rock’n’Roll, und als Performerin, die in den Bann zieht. Und zwar schon von jenem Moment an, als die 71-Jährige jene berühmten Worte formte, die ganz am Anfang von «Horses» stehen: «Jesus died for somebody’s sins, but not mine» sang sie also in ihrem «Manifest der Selbstbehauptung», wie sie diese Zeile in ihrem Erinnerungsbuch «Just Kids» beschrieben hat. Bald schon reckte sie die Faust in die Höhe, es drängte in ihr, sie tanzte sich frei, skandierte und buchstabierte dann schliesslich «Gloria» – als wäre sie wieder im Jahr 1975 und als stünde die Punk-Explosion erst noch bevor.

So beginnt «Horses»: «Gloria» von Patti Smith. Video: Patti Smith (Youtube)

Auf die Musik, die ihre Band um den ewigen Weggefährten Lenny Kaye eher rockig als rockend nachspielte, strahlte diese Energie, diese Präsenz seltsamerweise nicht ab. So blieben alle Blicke auf Patti Smith gerichtet, die immer wieder ins mit Regenpelerinen verhüllte Publikum winkte. Sie mahnte, man solle nach dem Konzert denn auch warmen Tee trinken – und allenfalls noch einen Krimi schauen (so, wie sie es macht). Man folgte ihr durch das genau vorgetragene, weit offene Schlüsselstück «Birdland», hörte auch dann zu, als sie jene Traum-Sequenz nacherzählte, in der sie die Seele des Doors-Sängers Jim Morrison befreit. Und war dann wieder ganz bei ihr, als sie im rollenden Fiebertraum «Land» Reminiszenzen an Zürich einbaute: an die Dadaisten im Cabaret Voltaire, an James Joyce, dessen Grab sie aufgesucht hat.

Hätte das Konzert mit dem «Horses»-Schlussstück «Elegie», das sie damals für Jimi Hendrix geschrieben hat, denn auch wirklich geendet, dann wäre es ein dringlicher und auch feierlicher Abend geworden. Doch Patti Smith hängte noch einige Bonus-Tracks an, in denen die Spannkraft nach dem aufzehrenden «Horses»-Vortrag fehlte. Sie sang eigene Songs wie «Dancing Barefoot», fremdes Material wie «Beds Are Burning» von Midnight Oil, mit dem sie die Plastikflut und die Zerstörung der Natur anprangerte. Sie überliess in diesem zweiten Konzertteil ihrer Band auch allzu generös die Show und tanzte an den Bühnenrändern in einer Regenjacke zum erstaunlich altväterlichen Rock. Und stimmte ganz zum Schluss ihre Protesthymne «People Have the Power» an. «Use your voice», rief Patti Smith noch. Man sollte sich auch an dieses Schlusswort erinnern.

Das «Unique Moments»-Festival geht heute Samstag mit dem Konzert von Kraftwerk zu Ende. Das Konzert ist ausverkauft.

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