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So gar nicht wie Cristiano Ronaldo

Dachs kommen nicht immer mit der Welt zurecht. Das verarbeiten sie mit St. Galler Dialekt und einem Kebab-Vergleich – und finden dabei einen unerwarteten Helden.

Basil Kehl und Lukas Senn sind mit ihrem neuen Album «Zu Jeder Stund En Vogelgsang» auf Tour. Foto: Urs Jaudas
Basil Kehl und Lukas Senn sind mit ihrem neuen Album «Zu Jeder Stund En Vogelgsang» auf Tour. Foto: Urs Jaudas

Wer in der Schweiz aufwächst, diesem Wattebausch des Wohlstands, ist eigentlich ein Gewinner. Gut und super und toll und gross ist hier dennoch nicht alles. Da driftet der Freundeskreis auseinander. Die Beziehungen sind wie Dürüm (zum en möge, bruchts en lange Schnuf). Und dann gibt es noch die Frage nach dem Wozu, die Dachs umtreibt. Wozu sind sie auf diesem Planeten, in St. Gallen?

«Ich fühle mich manchmal orientierungslos», sagt Basil Kehl (26), der eher flüstert als spricht. «Es ist auch wichtig, mal ein Verlierer zu sein», sagt Lukas Senn (28), der sich fürs Foto nur skeptisch auf den metallenen Hirsch setzt.

Auf ihrem neuen Album «Zu Jeder Stund En Vogelgsang» singen die beiden St. Galler über ihre Geburt und die Dystopie, im Altersheim beim Mandala-Malen zu verenden. Vor allem aber arbeitet sich Dachs am Jetzt ab. Die Zeit vor 30. Unruhig wie eine Kugel im Flipperkasten. Überall ein bisschen und trotzdem nirgends.

Das helle «A»

Wieso sie in der gleichen Sprache singen, in der sie träumen, ist eigentlich eine blöde Frage. Doch Mundartpop östlich von Bern ist auch 2020 noch eine kleine Revolution. «Der St. Galler Dialekt bleibt oft so schön im Nichts stehen», sagt Basil Kehl. «Schön hä? – Mhh» sei im Osten schon eine Konversation.

«Wir können uns so am besten ausdrücken», sagt Lukas Senn. Ihr Dialekt widerspiegle zudem die typische Ostschweizer Haltung, diese «Es könnte schlimmer sein»-Attitüde, die auch der St. Galler Musiker Manuel Stahlberger prägt. «Er gibt sich nie grossartig und bedeutsam. Doch er sieht das Kleine und beobachtet charmant», sagt Senn. Für ihn ist es wichtig, dass es auch Mundartmusik fernab des SVP-Heimatgefühls und des Kuhglockengebimmels der Büetzerbuebe gibt. Stahlberger etwa, Jeans for Jesus – oder eben Dachs.

Und so posaunt Basil Keel das rachige «R» und das helle «A» selbstbewusst in die Welt hinaus. In kuriosen Alltagsgeschichten findet er die grossen Fragen, und seine Stimme ist derart hochgeschraubt, dass jemand Dachs in einem Youtube-Kommentar mal als «Pop ohne Hoden» bezeichnete. Dieser Pop – das sind auch die flauschigen Synthesizermelodien von Lukas Senn, in denen man sich so wunderbar suhlen kann.

Nicht nur bergauf

Dachs nehmen es in ihrem neuen Album mit Cristiano Ronaldo auf. Der portugiesische Fussballstar ist für sie die Inkarnation eines «schäbigen Winner-Typen». Nie zeigt er Schwäche. Dafür hat er Geld, einen tollen Body – und sogar eine Abkürzung: CR7, «irgendwo im Erfolgsrusch hangeblibe», so singen sie es.

Für Dachs kein Held: Cristiano Ronaldo, der nie Schwäche zeigt. Foto: Reuters
Für Dachs kein Held: Cristiano Ronaldo, der nie Schwäche zeigt. Foto: Reuters

Für Dachs ist Heldentum wie für Thomas Mann ein Trotzdem, überwundene Schwäche gehört dazu; und Zartheit. Um ein wahres Vorbild zu finden, mussten sie nicht weit gehen. Auf der St. Galler Kreuzbleiche vor ihrem Proberaum führte Beat Breu sein Zirkusbistrot. Breu war mal ein Star, gewann die Tour-de-France-Etappe auf die Alpe d’Huez, doch dann scheiterte er immer wieder, als Komiker, Bordellbesitzer und zuletzt mit seinem Zirkus. In seinem Leben ging es nicht nur bergauf, sondern auch geradeaus und bergab.

«Wenn er auf die Nase fiel, hat er das als Ansporn genommen, noch verrücktere Träume zu haben», sagt Lukas Senn. Beat Breu sei nie den einfachsten Weg gegangen und habe dafür immer das gemacht, was ihn antrieb. Auch er und Basil Kehl wollen das. Nach Konzerten vor «vier Chnöche» probten sie weiter. «Als Künstler müssen wir uns abhusteln, ohne viel zu verdienen», sagt Basil Kehl.

Für Dachs ein Held: Beat Breu, der zuletzt mit seinem Zirkus scheiterte. Foto: Urs Jaudas
Für Dachs ein Held: Beat Breu, der zuletzt mit seinem Zirkus scheiterte. Foto: Urs Jaudas

Beat Breu haben die beiden Musiker zum ersten Mal an der Plattentaufe persönlich getroffen. Nach der Hymne, die ihn würdigt, kam der 62-jährige St. Galler auf die Bühne, etwas verwahrlost, die Haare ungepflegt, der Pulli zu eng. «Beat Breu, Beat Breu.» Das junge Publikum feierte einen Helden, der wie aus der Zeit gefallen wirkt und trotzdem griffige Antworten auf ihre Sorgen hat.

Dachs live: 12.3. Albani (Winterthur), 13.3. Zukunft (Zürich)

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