So (oder nicht so)

Das Beste und das Mittelmässigste von Peter Gabriel an einem Abend: Der britische Popsänger trat gestern im Zürcher Hallenstadion auf.

Pop mit Kunstsinn: Peter Gabriel bei seinem Konzert vom 9. November beim Brandenburger Tor in Berlin.

Pop mit Kunstsinn: Peter Gabriel bei seinem Konzert vom 9. November beim Brandenburger Tor in Berlin.

(Bild: Reuters Michael Dalder)

Christoph Fellmann@tagesanzeiger

28, das sind ausreichend viele Jahre, um zu vergessen. Beispielsweise, wie viele schlechte Songs auf einem Album ihren Platz haben, das man als gut in Erinnerung hat. Wer weiss denn noch, wie «This Is the Picture» klang, und wie schon wieder «We Do What We're Told». Man findet die beiden Lieder auf «So», der Platte, mit der Peter Gabriel damals, 1986, ins Gebrauchsradio vorstiess. Dank «Big Time», dank «Don't Give Up», und vor allem dank «Sledgehammer».

Wer weiss, warum Peter Gabriel die Welt jetzt unbedingt ans Füllmaterial zwischen seinen Hits erinnern wollte. Jedenfalls trommelte der Brite vor zwei Jahren seine Studioband von 1986 zusammen, um mit ihr auf Tournee zu gehen und dabei «So» von vorne bis hinten aufzuführen. Viele Popkünstler haben in den letzten Jahren auf diese Weise ihr beliebtestes Album wieder vors Konzertpublikum gebracht. Und bei einigen war das ja nur schon darum eine gute Idee, weil sie nie mehr als ein einziges gutes Album eingespielt haben.

Neu arrangiert

Etwas anders verhält es sich allerdings bei Peter Gabriel. Der veröffentlichte nach seinem Ausstieg bei Genesis sieben Soloalben, und mit Ausnahme des letzten («Up» von 2002) findet man auf jedem davon eine Handvoll seiner klassischen Songs. Umgekehrt aber ist keine seiner Platten durchgehend gelungen. Gabriel könnte also jederzeit ein kraftvolles Best-of-Set spielen. Das zeigte vor vier Jahren auch seine Orchestertournee, für die er seine stärksten Songs neu arrangiert hatte.

Wie gut das auch in der Rockbesetzung mit Tony Levin (Bass), David Sancious (Keyboards), David Rhodes (Gitarre) und Manu Katché (Schlagzeug) funktionieren könnte, bewies Peter Gabriel auch gestern, als er vor 8000 Fans ins Hallenstadion zurückkehrte. «Mercy Street» hatte ein tiefblau gefärbtes neues Arrangement erhalten, das noch faszinierender klang als das 28-jährige Original. Und «Digging in the Dirt», im ersten Teil des Konzerts gespielt – bevor die Songs von «So» an der Reihe waren – war ein massiver, grell-schwarzer Funk und der frühe Höhepunkt des zweistündigen Konzerts.

Nun, Peter Gabriel wollte offenbar nicht schon wieder seine Greatest Hits um die Welt tragen. Und neue Songs hat er nicht, die letzten stammen von 2002 («Up») und 1992 («Us»). Die Unschlüssigkeit, die ihn darob ergriffen haben mag, zeigte sich aber nicht nur im Griff nach «So», mit dem er sich nebst den erwähnten Füllern auch den langfädigen Pomp von «Red Rain» oder den frohsinnigen Klimbim von «Big Time» einhandelte. Das ganze Konzept des Abends wirkte, nun ja, wie ein Konzept eben. Etwas gar kunstsinnig, und dabei auch etwas ältlich. Angefangen bei den drei unverstärkten Nummern bei Saallicht, weiter im historisierenden Charme der Visuals, und schliesslich im geschäftigen Treiben der Schwenkarme, an denen Scheinwerfer und Livekameras über die Band hinweg bewegt wurden.

Die brüchige Stimme

So geriet der Abend zwischen seinen Höhepunkten und seinen Missgriffen bald ins Schlingern. Für die elektronische Eleganz von «Secret World» gab es das brüchige «Family Snapshot», für dessen paranoide Nuancen der 64-jährige Sänger nicht mehr die Stimme hat. Und für die folknahe Schönheit von «Why Don't You Show Yourself», das die filigranen Orchestergewebe der vorangegangenen Tournee mit dem Märchenton der frühen Genesis verband, gab es den eminenten Kitsch von «Don't Give Up», wo Linnea Olsson den weiblichen Gesangspart von Kate Bush im Tonfall einer Lolita sang.

Kurzum, dies war ein Konzert, auf das man während 28 Jahren nicht gewartet hat, um es jetzt ganz schnell wieder zu vergessen. Merken sollte man sich höchstens «Daddy Long Legs», den neuen Song, mit dem Peter Gabriel den Abend eröffnete. Möge daraus bald ein neues Album entstehen.

berneroberlaender.ch/Newsnetz

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