Totale Überwältigung und totale Überwachung

Die amerikanischen Metal-Erneuerer Tool haben im Hallenstadion für Vergnügen und Verwirrung gesorgt.

Nichts an Drastik eingebüsst: Tool-Sänger Maynard James Keenan. Fotos: Sabina Bobst

Nichts an Drastik eingebüsst: Tool-Sänger Maynard James Keenan. Fotos: Sabina Bobst

Ane Hebeisen

Es herrscht ein strenges Regime an diesem Abend im ausverkauften Hallenstadion. Eine sehr sonore und sehr ernste Stimme hat vor dem Konzert wiederholt darauf aufmerksam gemacht, dass das Filmen und sonstige Aufzeichnen des Dargebotenen strengstens untersagt sei, Zuwiderhandlungen könnten einen Abbruch des Konzerts zur Folge haben.

Zur Durchsetzung dieser Vorgabe ist bald ein energisches Team im Einsatz, das jede Inbetriebnahme eines neuzeitlichen Fernsprechgeräts spornstreichs registriert und sanktioniert. Auf dem Rücken ihrer Uniform steht «Crowd Security» geschrieben, doch in Wirklichkeit ist diese Taschenlampen-fuchtelnde Überwachungsmannschaft in fast schon unangenehmer Weise zum Schutze des Urheberrechts der Gruppe Tool unterwegs.

Wo ist der Fortschritt?

Dabei gibt es da zunächst weder besonders viel zu sehen noch zu verstecken. Auf die Leinwände werden Arbeiten aus dem Schreckmümpfeli-Archiv des filmbegabten Gitarristen und eigentlichen Bandkopfs Adam Jones projiziert. Gnome und anderweitig beängstigende Figuren sind da zu sehen, denen immer wieder irgendwelche Körperteile absterben, und auf der Bühne stehen vier Musiker, die dem Handwerk des progressiven Rockens nachgehen, inklusive eines Sängers, der konsequent die Bühnenmitte scheut. Mehr gäbe es auf den illegalen Mitschnitten nicht zu bewundern.

Und beim Begriff «progressiv» zur Beschreibung des musikalischen Vortrags scheiden sich bereits die Geister: Was ist fortschrittlich an einer Band, die seit dreizehn Jahren kein neues Album zustande gebracht und seit ihrer Gründung im 1990 keine wesentlichen Modifikationen an ihrem Klangbild vorgenommen hat? Was ist zukunftsweisend daran, der etwas in die Jahre gekommenen Kunst des episch in die Länge gedehnten Kunstrocksongs zu einer Renaissance zu verhelfen? Ist eine Revolution auch nach einem Vierteljahrhundert noch revolutionär? Die Fan-Gefolgschaft – mehrheitlich im Ü-40-Segment angesiedelt – würde solche Fragen mit Blicken kontern, die nur besonders ruchlosen Ketzern oder Verrätern vorbehalten sind.

Verliebt in Details

Das Quartett aus Los Angeles hat es geschafft, ein treu ergebenes Geleit an musikalisch Andersdenkenden hinter sich zu scharen. Dafür brauchte es ein paar rätselhafte Interviews, eine konsequente Verweigerung der Öffentlichkeitsarbeit, ein explizit alternatives Veröffentlichungsgebaren und ein Bestreben, das burschikose Metal-Genre mit Kunst und Gefühl zu unterfüttern. Es gab Zeiten, da verkaufte Tool in den USA mehr Tonträger als der Stadionrock-Überliebling Bon Jovi, und wenn die Band auch weiterhin Tonträger feilbieten würde, wäre dem wohl noch immer so. Die produktionstechnische Gemächlichkeit sei dem eigenen Perfektionismus und der Detailverliebtheit geschuldet, erklärt die Band gern.

Ihr Hallenstadion-Konzert offenbart bald, was damit gemeint ist, und warum diese Band völlig zu Recht dermassen angehimmelt wird.

Gewalttätig und gewaltig schön: Maynard James Keenan im Hallenstadion.

Tool wuchtet seinem Publikum knapp zwei Stunden lang mehrfach verschachtelte Musikdramen entgegen – grossartig, beängstigend, klaustrophobisch, gewalttätig und gewaltig schön. Ihre Stücke dauern gern über zehn Minuten, sie verzichten grösstenteils auf Strophen und Refrains, sie verzichten generell auf alles, was man naheliegend mit Gitarre, Bass und Schlagzeug so anstellt.

In den besten Momenten ist diese Gleichzeitigkeit von Aufbegehren und Niedergeschlagenheit, von Schönheit und Pestilenz schlicht überwältigend. Es ist eine denkende, ab- und tiefgründige Form der Rockmusik, die hier zelebriert wird – nennen wir es den Inbegriff des Nicht-Krokus-Seienden. Kein 1-2-3-4-Los, sondern eher eine «Lieber-13-Jahre-warten-bis-wir-so-weit-sind»-Attitüde.

Und so wird im Hallenstadion nicht nur den Handy-Zückern der Garaus gemacht, auch potenzielle Headbanger haben es schwer: Ihnen droht die kunstvoll vertrackte Wuchtrhythmik die Hälse zu brechen – mit einem handelsüblichen und leicht nachvollziehbaren Viervierteltakt gibt man sich bei Tool eher selten ab.

Streng überwacht: Die Band Tool.

Nach Zukunft klingt das Ganze zwar nur noch stellenweise, und der waidwunde Wundergesang des Sängers, Winzers, Langlauf-Champions, Kampfsportlers und Dichters Maynard James Keenan vermag live nicht ganz dieselbe Betörung zu erzielen wie auf Tonträger. Und doch untermauern die Amerikaner auf ihrer überraschend anberaumten Mini-Europatournee, dass sie in den Jahren des Nichtstuns nichts an Drastik und Bedeutung eingebüsst haben.

Zwei neue Stücke hat es dann doch zu hören gegeben, «Descending» und «Invincible» mit Namen. Beide überschreiten spielend die Zehnminutenmarke, beide changieren kunstvoll von Spannung zu Entladung und wieder zurück, und beide sind eher dem Elegischen als dem Explosiven verpflichtet.

Sie sollen Teil eines im August erscheinenden neuen Albums sein. Bon Jovi ist bereits am Zittern.

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