Wie das Leben so spult

Warum bringen Madonna und Mark Ronson ihre neuen Werke auch auf der klapprigen Musikkassette heraus? Über das Revival eines nicht sehr praktischen Tonträgers.

Das ist das Vergehen der Zeit: Ein Band, das von einem Rädchen aufs andere wandert. Foto: SZ-Collage

Das ist das Vergehen der Zeit: Ein Band, das von einem Rädchen aufs andere wandert. Foto: SZ-Collage

Die Mediengeschichte lehrt, dass kein einziges angeblich obsoletes Medium so ganz verschwindet. Wer würde also überrascht sein, wenn es seit einer Weile heisst, dass die Kassette zurück ist? Ja genau, dieses handtellergrosse klapprige Plastikteil mit den beiden geräderten, gezahnten Löchern. Oft genug verfluchte man das Ding, weil das Tapedeck oder der tragbare Walkman mal wieder das Band gefressen hatte – und man dann ein glänzendes braunes Gewirr aus der Klappe ziehen musste, den berühmten Bandsalat.

Niemand würde dieses Ärgernis doch zurückhaben wollen? Kürzlich hat aber Madonna ihr neues Album «Madame X» nicht nur auf CD, Vinyl, als MP3 und als Stream veröffentlicht, sondern auch auf Kassette, und der Starproduzent Mark Ronson sein neues Album «Late Night Feelings» auch. Man könnte sagen: Na gut, Madonna und Mark Ronson machen ziemliche Retromusik, da passt dann auch das Retromedium. Aber sogar der Soundtrack zum Science-Fiction-Blockbuster «Black Panther» ist im vergangenen Jahr auf Kassette erschienen, und die Sängerin Björk, seit ihrem Album «Homogenic» (1997) eigentlich die personifizierte Digitalbegeisterung im Pop, hat kürzlich ihr Gesamtwerk noch einmal auf dem alten Analogmedium neu veröffentlicht. Dafür mussten die Grafikdesigner M/M Paris, Björks Hausdesigner, die Artworks der Alben sogar extra von quadratisch auf rechteckig umgestalten.

Auch auf Kassette: Björks Alben.

Warum? Als vor einigen Jahren die Vinylscheibe wieder populär wurde, konnte man das, nach anfänglichem Erstaunen, gut verstehen: Vinyl ist so ein herrlich haptisches Medium, und bedruckte Kartoncover bringen die Gestaltung eines Albums viel besser zur Geltung als daumennagelkleine Screen-Ansichten auf Streaming-Plattformen. Es ist auch sehr befriedigend, die Nadel mit dem richtigen Fingerspitzengefühl und diesem sanften Knacken in die Rille zu setzen. Und wenn die Plattensammlung im Regal irgendwann so richtig viel Platz einnimmt, bezeugt sie die eigene Musikpassion durch schiere Materialmasse. Wie lohnend!

Mit anderen Worten: Mit dem Vinyl-Revival bekam man vieles von dem zurück, was im Zeitalter der MP3-Kompression, der Downloads und der Streams aus der digitalen Wolke verloren gegangen war.

Die Nachfrage ist enorm gestiegen

Aber die Erinnerung sagt: Wenn an der Audiokassette jemals etwas toll war, dann doch höchstens der Umstand, dass es sie als Leerkassette zu kaufen gab. Man konnte dann das Magnetband selbst bespielen, nicht zu oft allerdings, denn nach drei- oder viermaligem Überspielen hörte man einen Brei der dumpfesten Sorte. Man hielt also Mass mit dem Band, überlegte sich genau, welche Songs aus dem Radio man mitschneiden wollte, und welche nicht. Oder man nahm Songs auf, von denen man hoffte, dass sie einen anderen, angebeteten Menschen sehr beeindrucken würden. Ihm oder ihr drückte man dann das sogenannte Mixtape in die Hand, mit draufgemaltem Herzchen und der Hoffnung, dass das Tape nicht bei nächster Gelegenheit überspielt werden würde. Früher!

Nun aber vermeldet die Kassettenfabrik Tape Muzik aus Leipzig eine regelrechte Auftragsflut. «Besonders in den letzten zwei Jahren ist die Nachfrage nach Kassetten enorm gestiegen. Seitdem verdoppeln sich die Zahlen nahezu im Vergleich zum Vorjahr», sagt Franziska Kohlhase, die Projektleiterin des Werks, das seit 2004 Kassetten herstellt und mit dem bekannten, ebenfalls in Leipzig ansässigen Vinyl-Presswerk Rand Muzik assoziiert ist. Sprich: fast eine Vervierfachung innerhalb von zwei Jahren. Nicht schlecht.

Die Aufträge kommen von kleineren und grösseren Labels, oder direkt von Bands und Musikern. Zum Beispiel bestellt der Berliner Labelbetreiber Martin Hossbach seine Kassettenveröffentlichungen bei Tape Muzik. Kürzlich erschien auf seinem Label, das so heisst wie er selbst, das Black-Metal-Album «Demonji» von Obstler – ein Pseudonym von Max Rieger, der als Mitglied der deutschen Punkband Die Nerven bekannt ist. Auflage: 100 Stück. Die waren im Nu ausverkauft.

Gibts nur noch digital: «Demonji von Obstler.

«Es gibt anscheinend weiterhin das Bedürfnis, Musik zu erwerben, die an ein Objekt gebunden ist», sagt Martin Hossbach. «Das amüsiert mich einerseits, da ich selber mittlerweile Musik ausschliesslich streame, andererseits war und bin ich Sammler der Gruppe Pet Shop Boys und kann das Bedürfnis nachvollziehen.» Hossbach bietet das Obstler-Album allerdings nicht nur auf Kassette an, sondern auch auf den Streaming-Plattformen im Netz. Eine Vinyl-Version gibt es nicht. Warum? «Leider ist die Produktion von Schallplatten sehr teuer geworden, Mindestauflagen in Presswerken machen die Vinyl-Produktion für mich mittlerweile unattraktiv», sagt der Labelmacher.

Eine Auflage von 100 Kassetten – das freut die Sammler und Jäger unter den Popfans. Aber lässt sich damit schon ein Kassetten-Boom stemmen? Tatsächlich widersprechen die offiziellen Zahlen der Erzählung von dem erstaunlichen Kassetten-Comeback. Etwa in Deutschland. Oder auch auf dem Schweizer Tonträgermarkt: 2018 hat die Kassette gerade mal 0,54 Prozent zum Jahresumsatz von 170 Millionen Franken beigetragen.

Dass der heutige Kassettenmarkt «ganz klein» sei, bestätigt denn auch Christos Davidopoulos vom Münchner Plattenladen Optimal Records. Aber: «In den letzten Jahren wurde immer mehr veröffentlicht. Alle wichtigen Indie-Produkte gibt es auf MC, im Underground gibt es auch sehr viel, zum Beispiel Mixtapes von Hip-Hop-DJs.»

«Wer, der noch recht bei Verstand ist, benutzt heute noch Kassette?»Scott King

Das Kassetten-Revival ist also eine einigermassen paradoxe Angelegenheit. Es geht vor allem in die Breite – immer mehr Veröffentlichungen erscheinen auch auf Kassette, aber die Auflagen sind dann oft so gering, dass man von Kleinstauflagen oder gar von Editionen sprechen muss. In den Pop passt das allerdings gut, denn auch wenn man dort auf Rekorde und Nummer-Eins-Platzierungen schaut, ist die Relevanz neuer Pop-Phänomene eben nicht immer mit kalten Zahlen zu belegen – ganz abgesehen davon, dass die Hipster und die Obskurantisten im Pop immer ein ganz besonderes Eckchen für sich gefunden haben (und dort dann meistens ziemlich viel Aufmerksamkeit bekamen).

Mokieren kann man sich darüber natürlich auch bestens: «Wer, der noch recht bei Verstand ist, benutzt heute noch Kassette oder Schreibmaschine, wenn man doch alles auf einem Computer machen kann?», schrieb der britische Künstler Scott King, mit Schreibmaschine, auf das Cover der Kassette «Your Contribution» des Musikers Christian Naujoks, erschienen 2016 wiederum bei Martin Hossbach. «Neil Armstrong ist zum Mond geflogen, damit Idioten in den Cafés von Dalston-Neukölln-Brooklyn sitzen und so tun können, als sei es noch 1922? Tragische Idioten.»

Ein störrisches Medium

Aber vielleicht sollte man die Liebe zur Kassette einfach mal ernst nehmen. Was ist im Streaming-Zeitalter, das von den Plagen der Physis doch so herrlich befreit sein soll, denn der Reiz des Magnetbands? Es macht zum einen, ähnlich wie die Rille im Vinyl, noch ein genaues Verhältnis zwischen Spieldauer und Speicherkapazität anschaulich. Einem Musik-File auf dem Computer oder einem Stream aus der Wolke sieht man seine Grösse, Länge, Spieldauer nicht sofort an. Anders bei der Kassette: Je länger ein Album, desto dicker der Bandwickel, der beim Abspielen vom einen Rädchen auf das andere wandert.

Wer denkt da nicht an die Sanduhr? Ja, jedes einzelne gehörte Musikstück ist Lebenszeit! Zum anderen kann man, und das ist vielleicht noch wichtiger, die Kassette nicht so einfach durchskippen. Die Skip-Taste ist die beliebteste Funktion im Streaming-Zeitalter – alles, was nicht innerhalb weniger Sekunden gefällt, wird sofort übersprungen. Die Kassette kann man höchstens vorspulen, aber so ganz zielsicher ist das auch nicht. Sprich, man ist häufiger mal gezwungen, auch etwas zu hören, was man vielleicht lieber überhören wollte. Aber vielleicht will man es dann ja, mit der Zeit, doch gerne hören?

Die Kassette böte dann das, was im Digitalzeitalter immer seltener wird: Kunsterziehung durch ein gewissermassen störrisches Medium. Und da haben wir über den Brillanzverlust des Bandes noch gar nicht nachgedacht: Auch diejenige Musikkassette, die man nur anhört, ohne sie zu überspielen, klingt irgendwann immer dumpfer. Vielleicht wird man sie deswegen gar nicht allzu häufig abspielen? Vielleicht will man die geliebte Musik vor Abnutzung schützen? Das wäre eine neue, aber eigentlich ja alte Ökonomie des Zuhörens. Sparsamer Musikkonsum. Vorausgesetzt natürlich, man hält nicht die Kassette in der Hand, während man dazu den passenden Stream einschaltet.

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