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«Wo fährt man nobel mit dem Zobel im Ferrari vor?»

Seine Songtexte waren besser als ihr Ruf – und zeigen auf eindrückliche Weise: Udo Jürgens war kritisch, ohne radikal zu sein.

7. Dezember 2014 im Hallenstadion: Udo Jürgens spielt im Rahmen seiner «Mitten im Leben»-Tour in Zürich. Zwei Wochen später...
7. Dezember 2014 im Hallenstadion: Udo Jürgens spielt im Rahmen seiner «Mitten im Leben»-Tour in Zürich. Zwei Wochen später...
Steffen Schmidt, Keystone
...bricht er bei einem Spaziergang in Gottlieben TG zusammen: Jürgens während eines Interviews in Gottlieben am 26. Juli dieses Jahres.
...bricht er bei einem Spaziergang in Gottlieben TG zusammen: Jürgens während eines Interviews in Gottlieben am 26. Juli dieses Jahres.
Horst Ossinger, Keystone
Im Bademantel auf der Bühne: Jürgens tritt am 30. Juni 1992 vor das Publikum im Amphitheater in Windisch AG und erklärt, das Konzert werde etwas später beginnen.
Im Bademantel auf der Bühne: Jürgens tritt am 30. Juni 1992 vor das Publikum im Amphitheater in Windisch AG und erklärt, das Konzert werde etwas später beginnen.
Michael Kupferschmidt, Keystone
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«Merci, Chérie», «Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an» oder «Ich war noch niemals in New York»: Diese Lieder werden jetzt in den zahlreichen Nachrufen auf Udo Jürgens erwähnt. Ja, der verstorbene Schlagerstar komponierte und sang Gassenhauer – aber auch sozialkritische Songs. Dabei traf seine Kritik scheinbürgerliche Spiessigkeiten («Ein ehrenwertes Haus» – jenes Haus, wo kein unverheiratetes Paar geduldet wurde), Umweltzerstörung («5 Minuten vor 12») oder das Patriarchat («Der Mann ist das Problem»).

In ihrer Gesamtheit sind Jürgens’ kritische Songs wie eine Chronik der grossen sozialen Streitpunkte der letzten Jahrzehnte. Nur schon «Griechischer Wein»: Was für viele Fans nur ein weinseliger Schunkelsong ist – für Jürgens war es Gesellschaftskritik. Er kommentierte damit das Leben griechischer Gastarbeiter im Deutschland der 70er-Jahre. Und dies so ergreifend, dass er vom griechischen Ministerpräsidenten Konstantinos Karamanlis in Athen empfangen wurde.

Udo Jürgens war stets die Stimme der Vernunft im grossen Halligalli des Schlagerbusiness. Heute würde man seine politische Einstellung wohl als linksliberal bezeichnen. Dass Jürgens für seine kritischen Zeilen nicht gross gewürdigt wurde, lag wohl an seinem Hang zur ganz grossen Gestik. Der weisse Smoking und der gläserne Flügel passten nicht zu Zeilen wie etwa jene aus «Café Grössenwahn», eine Bestandesaufnahme Deutschlands in den 90er-Jahren – und ein bissiger Kommentar auf die herrschende Dekadenz:

Wo fährt man nobel mit dem Zobel im Ferrari vor? Und trinkt Champagner auf den Sieg der Ignoranz? Wo dirigiert ein Drogendealer einen Kinderchor? Und küsst ein Waffenhändler seinen Rosenkranz?!

Auch mit der Kirche hat Udo Jürgens sich einst angelegt. Im Lied «Gehet hin und vermehret Euch» von 1988 zieht er die Linie von besagtem Bibelzitat zum Papst und dessen umstrittener Verhütungspolitik. Das Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks nahm das Lied deshalb auf den Index.

Auch abseits der Bühne zeigte sich Jürgens sozial engagiert. Seine Stiftung hilft notleidenden Kindern ohne Bezugspersonen sowie Waisenkindern. Und nach dem 9. Februar zeigte er sich öffentlich «beschämt» über seine Schweizer Wahlheimat und befand: «Europa ist die beste Idee, die dieser Kontinent seit tausend Jahren hatte.»

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