Yello und Lampenfieber? Von wegen!

39 Jahre liessen sich die Elektropioniere von Yello Zeit für ein Livekonzert in der Schweiz. Ihr Debüt in Mon­treux war gut geplant und wusste über weite Strecken zu überzeugen.

Schweizer Livedebüt: Dieter Meier (vorne) und Boris Blank.

Schweizer Livedebüt: Dieter Meier (vorne) und Boris Blank.

(Bild: Keystone)

Als die Schweizer Elektropop-Pioniere Yello letztes Jahr in Berlin ihr «richtiges» Livedebüt nach fast vierzig Jahren im Studio gaben, schickten die dortigen Medien die Kavallerie. «Der ganze Abend war ein Desaster», schrieb die «Berliner Zeitung» und beklagte die «spektakuläre Ranzigkeit, Ratlosigkeit und Ignoranz» der Darbietung.

Die Schweizer Zeitungen waren gnädiger. Der «Tages-Anzeiger» konnte sich «nicht sattsehen» an den visuellen Einspielungen. Dieser Tage konnte sich das hiesige Publikum selber ein Bild machen – Yello ­gaben ihr Schweizer Debüt am Montreux Jazz Festival. Die Wahl sei nicht zufällig erfolgt, meinte Conférencier und Sprechsänger Dieter Meier zu Beginn im prall gefüllten Jazz Lab.

Meiers erstes musikalisches Lebenszeichen war 1978 die Solosingle «Cry for Fame», die er in Montreux einspielte. Damals war der Bankierssohn noch eine Art Punk. Vom Punk haben Yello den Vorwärtsdrang übernommen, doch sie spielen in einer anderen Liga.

Das ist das Verdienst von Boris Blank, der für den Sound hinter Meiers Rezitationen sorgt. Blank ist ein Rhythmiker und Klang­forscher, der etwas von Technik versteht und wie Meier dem absurden Humor frönt. Der Legende nach war er es, der sich gegen Livekonzerte sträubte, weil ihn Lampenfieber plagte.

Mit Improvisation und App

Davon war in Montreux nichts zu spüren – im Gegenteil. Blank begann den Abend allein hinter seinem digitalen «DJ-Pult», sagte seinen Compagnon Meier an, drückte im entscheidenden Moment die richtigen Knöpfe und bewies sein Improvisationstalent bei der Demonstration der neuen Musik-App «Yellofier». Das Publikum dankte es ihm mit dem Banner «Bach, Beethoven, Bartók – Boris Blank».

Eine zehnköpfige Band, zwei Gastsängerinnen, Videoeinspielungen, glasklarer Sound: Yello scheuen keinen Aufwand, um ihre Marke als Schweizer Technopop-Präzisionsprodukt nicht zu gefährden. Die Maschine lief denn auch tadellos und kam nur selten ins Stottern.

Dass in der Mitte des Konzerts die Spannung nachliess, lag an den Songs des aktuellen Albums «Toy» und daran, dass man sich langsam ans Spektakel gewöhnte und all die Informationen erst mal verdauen musste.

Auch Blanks musikalische Muse, die chinesische Sängerin Fifi Rong, war kein Höhepunkt. Am Schluss sind es eben doch die Songs, die darüber entscheiden, ob eine Show funktioniert. Das wissen auch Yello.

Maximal minimalistisch

An Hits mangelte es nicht. Neben dem maximal minimalistischen «Oh Yeah» standen «Bostich» und «The Race» auf der Setliste, die Sängerin Malia versuchte bei «The Rhythm Divine» in die Rolle der unsterblichen Shirley Bassey zu schlüpfen und doppelte mit «Vicious Games» nach.

Am Schluss badeten die sonst eher distanziert wirkenden Elektrounternehmer genüsslich im brandenden Applaus. «See you next year», verabschiedete sich Meier. Ob er es ernst meinte?

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