Zigeuner-Hochzeit

Soundcheck

Klezmer, Gipsy und Chansons: Die Berner Band Olgas Bagasch feierte in der Heiteren Fahne die Volksmusik.

Auf musikalischem Osteuropa-Trip mit Olgas Bagasch.

Auf musikalischem Osteuropa-Trip mit Olgas Bagasch.

(Bild: Martin Burkhalter)

Martin Burkhalter@M_R_Bu

«Russischer Salat» nennt die Band Olgas Bagasch ihre Musik. An diesem Abend in der Heiteren Fahne aber essen die Menschen vor allem Grilliertes. Die Tische vor der Bühne sind gut besetzt. Noch herrscht in dem alternativen Lokal am Fusse des Gurten die übliche Wohnzimmerstimmung.

Kinder tollen herum, Eltern nippen an ihren Rotweingläsern. Dann, kurz vor halb neun, schreitet eine gross gewachsene Frau mit einem kleinen Megafon in der Hand durch den Raumund kündigt auf Russisch oder Ukrainisch die bevorstehende Abfahrt an.

Schon verwandelt sich das Konzertlokal in eine Bahnhofshalle irgendeiner osteuropäischen Grossstadt. Es wird nicht die einzige Verwandlung bleiben an diesem Abend. Und auch nicht dieletzte Sprachbarriere.

Olgas Bagasch, diese fünfköpfige Frauenband mit dem einen Mann am Kontrabass, palavert, ja singt und jauchzt, flennt und seufzt in zwölf Sprachen. Das sagt zumindest Katrin Kaufmann, Saxofonistin, Flötistin und Sängerin dieser Band. Nachgezählt hat man schliesslich nicht. Gehört hat man neben Russisch oder Ukrainisch aber Englisch, Italienisch, Französisch, Jiddisch, Deutsch und freilich wunderbar breites Berndeutsch.

Aus Bolligen stamme der eigentliche Kern der Band und sei aus der Musikschule heraus entstanden, erklärt Katrin Kaufmann später. Damals hiess die Band noch anders, hat sich nach und nach entwickelt und neu formiert. Offiziell gibt es sie nun rund zehn Jahre.

Heute gehören Perkussionistin Ursina Töndury, Lea Gasseram Akkordeon, Andrea Meier an der Klarinette, Paolo Riva am Kontrabass und eben Katrin Kaufmann dazu. Eine Bandleaderin gibt es nicht, der Gesang ist auf die vier Frauen verteilt. Alle bringen jeweils ihre Liedideen mit in den Bandraum, dann beginnt das gemeinsame Komponieren.

In der Heiteren Fahne taufen sie jetzt ihr zweites Album, nach dem 2016 erschienenen «Vinegrett». Das neue heisst – ja, wie heisst es denn? «Frag mi nid» könnte es heissen, wie das eine Lied auf der CD. Oder «Wosch mi?» oder schlicht «Cervelat». Olgas Bagasch haben es kurzerhand dem Publikum überlassen, dem Album beim Kauf mit einem Neocolor-Stift selber einen Namen zu geben.

Und los geht die musikalische Reise durch Osteuropa, durch die Ukraine und Russland und über das Meer und hinein in die Mythen und Sprachen dieser Welt. Verschrieben hat sich Olgas Bagasch der Tradition der Volksmusik. Klezmer, Gipsy und Chansons, ein wilder Mix aus wunderschön, zart und gefühlvoll gesungenen Liedern, die alle vor allem eines tun: Geschichten erzählen.

Über die Liebe, das Leben, das Saufen, das Suchen und Finden. Da dürfen natürlich auch literarische Bezüge nicht fehlen. Lukrez in «Things» und Dante in «Inferno» werden paraphrasiert. «Tango» ist eine vertonte Geschichte des russischen Dichters Daniil Charms.

Die Klarinette hüpft, die Flöte tanzt, das Akkordeon schwankt, wie ein trunkener Matrose, die Stimmen seufzen, wispern und verführen. Es ist 35 Grad heiss in dieser Heiteren Fahne. Mit ihren Fächern an den Wänden, dem Kronleuchter, den alten Möbeln, den Stehlampen, dem Piano und der Jukebox an der Wand.

Dann spielen Olgas Bagasch ihren sowjetischen Rock, ihre russischen Wiegenlieder, Polkas, Tangos und Märsche, und schon kommt man sich vor, als hätte es einen auf eine Art Zigeunerhochzeit verschlagen – fehlt nur noch, dass die Leute auf den Tischen tanzen und Schnapsgläser über die Schulter werfen – nur tun sie das nicht.

Ob es an der Hitze liegt oder die neuen Lieder noch nicht alle so richtig mitziehen mögen? Durstig wird man trotzdem, und schwitzen tut man, und viel zu früh fährt der Zug schnaufend in den Endbahnhof ein. Dann noch ein, zwei Zugaben, auf ein tolles Medley mit Bezügen zu den Andrew Sisters folgt «Tsen Brider», ein ungefähr 120 Jahre altes jiddisches Volkslied, und schon ist dieser Abend vorbei, und das neue Album hat jetzt etwa siebzig Namen.

Olgas Bagaschs nächste Konzerte: 11. August, Spatenstich Warmbächlibrache, Bern, und 24. August, Lorrainechilbi, Bern.

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