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Analyse: Steht das Coronavirus noch für etwas anderes?

Einige Intellektuelle glauben, die Angst vor dem Erreger sei irrational. In der Bevölkerung herrsche Panik, die auf tiefgründige Umstände zurückzuführen sei.

Die Coronavirus-Krise verführt dazu, den Erreger zu instrumentalisieren. Plump und erwartbar ist die politisch motivierte Instrumentalisierung, die in der Schweiz – auch dies keine Überraschung – vor allem die SVP betreibt. Die Ausbreitung von Sars-CoV-2 sei ein Grund, im kommenden Mai der Begrenzungsinitiative zuzustimmen, meinen einige ihrer Exponenten.

Auf Twitter werden ausserdem Vergleiche über das Verhältnis zwischen Coronavirus und Klimawandel angestellt, so im Stil: Das Virus treibt die Leute heftiger um als der Klimawandel, was beweise, dass es sich bei Letzterem um einen «Hype» handle.

Und dann gibt es da noch einen FDP-Politiker, der die Corona-Krise nutzte, um homöopathische Chügeli-Medizin zu propagieren.

Diese Verlautbarungen und ihre Urheber fallen in die Kategorie «intellektuell nicht mehr satisfaktionsfähig», weshalb wir sie unwidersprochen irrlichtern lassen und uns einer raffinierteren Gattung der Coronavirus-Profiteure zuwenden: jener der Psychologisierer, Symboldeuter und Metaphernjäger.

Deren Argumentation geht ungefähr so: Die Angst vor dem Virus ist irrational, weil sie in krassem Missverhältnis zur realen Bedrohung steht. Die Differenz zwischen objektiv geringer Gefährdung und subjektiv alarmistischer Wahrnehmung lässt sich gewissermassen auffüllen, indem man das Virus als Metapher für eine ins Halb- oder Unterbewusstsein verdrängte Angst interpretiert.

Das Virus erscheint uns nach dieser Lesart so gefährlich, weil es in Wahrheit für etwas anderes steht. Die Argumentation funktioniert ähnlich wie der altbekannte Hütchenspielertrick der Psychoanalytiker: Das scheinbar Offensichtliche ist trügerisch, die wahre Ursache entschwindet dem ungeschulten Auge und muss vom Spezialisten dort aufgedeckt werden, wo sie der Laie niemals vermutet hätte.

Die quasireligiösen Züge dieses Anspruchs sind schon oft beschrieben worden. Besonders deutlich wird im Falle des Corona-Erregers, wie beliebig er ist. Hinter der angeblich irrationalen Furcht vor dem Virus steht … ja, was denn genau? Unser aller Unbehagen angesichts der Globalisierung? Die Angst, uns allein vor der Welt verteidigen zu müssen, wie der italienische Soziologe Ilvo Diamanti glaubt? Das Bedürfnis, die Komplexität der Wirklichkeit zu reduzieren? Die Erinnerung an die «ultimative Zufälligkeit und Bedeutungslosigkeit unseres Lebens», wie der Philosoph und Psychoanalytiker Slavoy Zizek in der NZZ mutmasste? Ist das Virus Protagonist in einem «Angstnarrativ» (das Wort ist in diesem Zusammenhang unvermeidlich), widerspiegeln unsere Reaktionen den «Machtzuwachs der Wissenschaften als Folge der Implosion politischer Ideen und Visionen?» (Der Autor Matthias Heitmann im Magazin «Cicero»). Oder ist es schlicht die Angst vor dem Tod? Und wenn wir schon dabei sind, warum nicht alles zusammen?

«Wie die normale Grippe»

Die Corona-Metaphoriker sind umso fragwürdiger, als ihre beiden Prämissen falsch sind. Denn erstens ist die Angst vor dem Virus weder übertrieben noch irrational. Die meisten Virologen gehen davon aus, dass die Mortalität von Covid-19 zwischen sieben- und zehnmal höher ist als jene einer saisonalen Grippe. Dennoch behauptete auch US-Präsident Donald Trump stellvertretend für viele andere, die Infektion sei «ein wenig wie die normale Grippe, für die wir Grippeimpfungen haben».

Wenn sich zwei Dinge bei einem relevanten Kriterium um den Faktor 10 unterscheiden – käme es dann in irgendeinem anderen Bereich jemandem in den Sinn, sie als mehr oder weniger gleichartig zu bezeichnen? Wer die Infektion mit dem Coronavirus als schwerere Grippe abtut, dem sollte man den Lohn um 90 Prozent kürzen mit der Begründung, das sei immer noch etwa gleich viel wie zuvor.

Hinzu kommt, dass sich laut Experten bis zu 20 Prozent der Erkrankten in Spitalbehandlung begeben müssen. Und weil das Virus ziemlich ansteckend ist und – wiederum im Unterschied zu einer Grippe – niemand immun dagegen ist, besteht die Gefahr, dass sich ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung infiziert. Das Gesundheitssystem steht höchstwahrscheinlich vor einer gewaltigen Herausforderung.

Das bedeutet nicht, dass die Apokalypse über uns hereinbricht. Sondern, dass die Situation auch ohne psychologische Tiefenprojektionen ernst ist, die angeordneten Massnahmen berechtigt sind und wir uns entsprechend verhalten sollten.

Keine Jagd auf Norditaliener

Falsch ist auch die zweite Grundaussage der Metaphoriker, nämlich, dass Panik herrsche. Werden Vorratslager mit Desinfektionsgel geplündert? Gibt es Hetzjagden auf Norditaliener? Verbarrikadieren sich verängstigte Menschen in ihren Häusern? Nein, man pendelt noch immer täglich zur Arbeit, isst in Restaurants, und unsere Kinder gehen zur Schule. Dass es in Apotheken kein Gel mehr gibt und in der Migros einige Regale halb leer stehen, ist nicht Ausdruck von Hysterie, sondern von vernünftiger hygienischer Prävention und Vorsorge für den Fall einer Quarantäne.

Wörter sind dazu da, die Dinge voneinander zu unterscheiden. Wer das gegenwärtige Verhalten der Bevölkerung Panik nennt, tut das Gegenteil.

Der Versuch, das Coronavirus als Metapher zu interpretieren und deren Hintergrund soziologisch, psychologisch oder politisch zu beleuchten, stützt sich auf eine doppelt falsche Wahrnehmung des Vordergrundes. Was als Aufklärung daherkommt, ist in Wahrheit Mystifizierung. Das Coronavirus ist keine Metapher, sondern eine Realität, auf welche die Öffentlichkeit bisher erstaunlich besonnen reagiert. Je weniger Unsinn geraunt wird, desto grösser sind die Chancen, dass es so bleibt.

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