Auawirleben, darf man das?

Am Mittwoch beginnt das Berner Theaterfestival Auawirleben unter dem Motto «Wir müssen reden». Müssen wir wirklich? Wir haben bei der Festivalchefin Nicolette Kretz nachgefragt.

Jess Thom, eine Engländerin mit Tourette-Syndrom, tritt am Berner Theaterfestival Auawirleben auf.

Jess Thom, eine Engländerin mit Tourette-Syndrom, tritt am Berner Theaterfestival Auawirleben auf.

(Bild: pd)

Michael Feller@mikefelloni

«Wir müssen reden» heisst Ihr Thema in diesem Jahr. Reden wir wirklich zu wenig?
Nicolette Kretz: Es wird wohl so viel kommuniziert wie noch nie, auf allen Kanälen, auf Whatsapp, in Onlinekommentaren. Mich dünkt, dabei geht es oft mehr darum, Meinungen zu platzieren, und weniger um den Austausch von Ideen.

Es wird also nicht mehr debattiert?
Nein. Es wird ja unter Freunden auch nicht mehr um Behauptungen gestritten. Heute behauptet einer etwas, und der andere schaut auf Google, ob es stimmt. Aber das Thema ist ambivalent, über «Wir müssen reden» darf auch diskutiert werden.

Inwiefern?
Über vieles wurde auch schon genug geredet, etwa über den Klimawandel. Dort müssten wir endlich handeln statt reden. Und «Wir müssen reden» sind ja drei heikle Worte.

«Heute behauptet einer etwas, und der andere schaut auf Google, ob es stimmt.»

Wieso denn?
Wenn in einer Beziehung das Votum «Wir müssen reden!» fällt, dann ist dies in der Regel der Anfang vom Ende. Aber grundsätzlich interessiert uns bei Auawirleben das Thema Austausch. Und so sind dieses Jahr verschiedene Aspekte der Kommunikation Thema unserer Stücke geworden.

Wir müssen über das Programm reden. Jess Thom, eine Engländerin mit Tourette- Syndrom, tritt als Comedian auf. Darf man über dasTourette-Syndrom lachen?
Klar, das sagt sie ja auch. Als ich sie zum ersten Mal sah, war ich zuerst ein wenig verhalten. Als sie dann aber ihren ersten Witz über einen ihrer Tourette-Ticks, also verbalen Ausbrüche, gemacht hatte, war klar, man kann wirklich darüber lachen, es gibt auch witzige unbeabsichtigte Situationen. Schliesslich hat sie die Autorinnenschaft: Sie entscheidet, welche Witze sie über sich und ihre Behinderung macht. Das ist etwas anderes als die hinlänglich bekannten Tourette-Witze von Menschen, die nicht davon betroffen sind.

«Dürfen Weisse schwarze Kultur kopieren? Ist das heikel? Und wenn ja, warum?»Source

In «Crazy But True» gehen Kinder auf die Bühne. Sie hören über Kopfhörer unglaubliche, aber wahre Fakten und erzählen dem Publikum, was sie hören. Ohne Vorbereitung. Ist diese Performance nicht heikel, weil man so die Kinder blossstellt?
Es geht ja nicht darum, sie blosszustellen. Man darf natürlich nicht Kinder etwas ohne ihr Einverständnis machen lassen. Wenn es dem Kind klar ist, was es auf der Bühne machen soll und wieso, und wenn es Spass hat, ist daran nichts falsch. In «Crazy But True» reden Kinder über Dinge, die sie auch interessieren, darum ist es nicht heikel. Auch potenziell heikel ist die Performance «This Dick Ain’t Free» von Christoph Fellmann. (lacht) Das ist mit Sicherheit die heikelste Produktion.

Wieso soll ich einem weissen Ex-Musikredaktor zuschauen, wie er das ganze Album eines schwarzen Rappers covert, «Pimp a Butterfly» von Kendrik Lamar?
Weil er genau das Problem dahinter thematisiert: Die «cultural appropriation», die besonders in den USA stark diskutiert wird. Dürfen Weisse schwarze Kultur kopieren? Ist das heikel? Wenn ja, warum ist es heikel? Und wenn ja, was wäre denn nicht heikel? Wäre es okay, wenn er ein Oasis-Album covern würde – obwohl er nicht in der Arbeiterstadt Manchester aufgewachsen ist, sondern in Horw. Er gibt keine Antworten, aber wirft viele Fragen auf.

Auawirleben, 8. – 19.5., diverse Spielorte in Bern.

Jess Thom: «Strand Up, Sit Down, Roll Over»: Do, 9.5., und Fr, 10.5., Tojo-Theater. Ein BBC-Dokfilm über Jess Thom wird am Sa, 11.5., 16 Uhr, in der Grossen Halle der Reitschule gezeigt.

Christoph Fellmann und Martin Baumgartner: «This Dick Ain’t Free»: Fr, 10.5., 20 Uhr, und Sa, 11.5., 20.30 Uhr, Schlachthaus-Theater.

Ant Hampton: «Crazy But True» (Kinder sprechen über unglaubliche Dinge): So, 19.5., 16 Uhr, Grosse Halle.

Das ganze Progamm mit 14 Produktionen und zusätzlichen Crashkursen, Diskussionen, Konzerten: www.auawirleben.ch.

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