Auf Kurve mit dem Rollator

Jegenstorf

In «Der grosse Coup» wird das Schloss Jegenstorf zur Vorzeige-Altersresidenz. Doch vier gelangweilte Senioren wollen nur noch weg. Eine Enkelin verhilft zur Flucht.

Vier Rentner und eine junge Frau entfliehen in «Der grosse Coup» ihrem bisherigen Leben.

Vier Rentner und eine junge Frau entfliehen in «Der grosse Coup» ihrem bisherigen Leben.

(Bild: PD)

Michael Feller@mikefelloni

Tönt wie im Traum: Morgens nach dem Kaffee ein wenig auf der sonnigen Terrasse fläzen, unter Freunden Zeitung lesen, Sprüche klopfen, in den Tag hinein leben. Für Ueli, Peter und Martin, drei betagte Bewohner der Altersresidenz Schloss Jegenstorf, ist dieser Zustand zum Alptraum geworden.

Denn es meldet sich nicht nur ständig die Blase. Die Langeweile ist allgegenwärtig. Als ein weiterer Rentner, Fred, sowie die verzweifelte Enkelin von Martin, Tabita, einziehen, wird die Scheinidylle entlarvt. Jetzt ist genug, die Gruppe plant den Abgang.

Leichter Stoff

Man könnte sich für den Lebensabend üblere Orte als das Schloss vorstellen. Im barocken Bau bleibt es innen auch in hitzigen Sommern kühl, und draussen im Park liesse sich unter den mächtigen Bäumen lustwandeln.

Doch die ehemalige Befehlszentrale von General Guisan bleibt natürlich ein Museum und die Seniorenresidenz eine Fiktion, gespielt im Freilichttheater «Der grosse Coup» vor der Kulisse des imposanten Baus. Am Wochenende war Premiere. Ein leichter Stoff, der bestens unterhält.

Zunächst gehts in der Komödie von Markus Keller (Regie: Reto Lang) rasant zu und her. Die Seniorengruppe erlaubt sich mit dem gestressten Personal Spässchen, ein Rollator droht immer wieder von der Bühne zu stürzen, und eine betagte ehemalige OL-Meisterin, nicht mehr glasklar im Kopf, rennt andauernd quer durch den Park – der Gärtner, der auch mit der Aufgabe betraut ist, auf sie aufzupassen, hinterher.

Doch bald zeigen sich die weniger schönen Seiten: Da hangeln sich alle von Mahlzeit zu Mahlzeit, dazwischen ist ausser verkrampfter Animation wenig los. Es wird getratscht, Eifersüchteleien machen sich breit, und einmal kommt es zu einem handfesten Streit.

Traum von Frankreich

Lustig bleibt es auch, weil der Bruch dieser Scheinidylle ziemlich halsbrecherisch vonstattengeht. Die vier Senioren träumen von einer Villa in Südfrankreich, auch Tabita, die vor ihrem Leben flieht (sie ist schwanger und will den Erzeuger nicht mehr sehen), findet Gefallen an der Vorstellung und heckt einen Plan aus, wie die benötigten 6,5 Millionen Franken beschafft werden sollen. Nur so viel sei verraten: Die Umsetzung hätte es in der Realität schwer. Doch in diesem Schwank ist alles möglich.

Auch wenn der Stoff nicht besonders in die Tiefe geht, nimmt er ein Dauerthema auf: unseren Umgang mit den Alten. Theaterautor Keller hat für sein Stück eigene Beobachtungen einfliessen lassen. Vor dem Tod seiner Mutter habe er diese oft im Altersheim besucht und gesehen, wie es zugehe.

Für die Theatermacher war das Heim auch personell eine Fundgrube: Auf der Suche nach Darstellerinnen und Darstellern für die zahlreichen Nebenrollen habe man sich auch erfolgreich in einem nahen Altersheim umgesehen.

Die männlichen Hauptrollen wurden mit erfahrenen Laien besetzt, nur die junge Tabita (Mia Lüscher) ist ein Profi und zieht den Seniorenabend. Das Quintett spielt das Stück flott und erfrischend.

«Der grosse Coup»: bis 11.8., Schlosspark Jegenstorf.

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