Berns grösster Tänzer

Winston Ricardo Arnon kam 2013 von Holland ins Ensemble der von Tanzcompagnie Konzert Theater Bern. Seither glänzt der expressive Tänzer. Ab Samstag ist er in «Vier Jahreszeiten» zu sehen.

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Helen Lagger@FuxHelen

«Soll ich eine Drehung machen?» Winston Ricardo Arnon will performen, nicht stillstehen, als es darum geht, ihn in der Mansarde des Stadttheaters zu fotografieren. Der Tänzer und Choreograf trägt einen knallblauen Wollpullover und kommt bald ins Schwitzen, während er mehrmals Anlauf nehmend um die eigene Achse wirbelt.

Wenn sich der 1,90 Meter grosse Hüne bewegt, füllt er den Raum. Er ist ein Mann der grossen Gesten. Seit 2013 ist Arnon Mitglied in der Tanzcompagnie von Konzert Theater Bern unter der Leitung von Estefania Miranda. Unter den Tanzfans hat er längst Kultstatus erlangt. Unter anderem wegen seines Auftritts als K. in «Das Schloss» (2015). Die Rolle in der Kafka-Choreografie von Estefania Miranda sei seine bisher wichtigste, sagt er im Gespräch.

«Die Produktion war intensiv. Ich habe mehrere Kilos an Gewicht verloren.» Schön und ein wenig beängstigend sei es gewesen, diese Figur darzustellen. Als Tänzer sei man auch Darsteller, ist Arnon überzeugt. Er studiert jeweils die Herkunft einer Figur, überlegt, wie sie geht, spricht, aussieht. «Schliesslich musst du eine Rolle mit deinen eigenen Erfahrungen in Verbindung bringen. Das macht es aus, damit du dich aus dem Bauch heraus bewegst.»

Tanz im Wohnzimmer

Arnon wurde 1984 in Paramaribo in Surinam geboren. Er war 10Jahre alt, als die Familie – Arnon hat zwei Schwestern und einen Bruder – nach Holland zog. «Ich bin der Jüngste, Grösste, Lauteste und Wildeste in der Familie.» Doch die eigentliche Künstlerin in der Familie, sein Vorbild, sei seine Mutter. «Sie ist die Verrückteste von uns allen», lacht Arnon. Sie habe hart gearbeitet, damit ihre Kinder Möglichkeiten hatten, die ihr selbst verwehrt blieben.

Als seine Mutter ihn zum ersten Mal in Holland professionell habe tanzen sehen, habe sie gesagt: «Jetzt verstehe ich, warum du immer nachts im Wohnzimmer herumgetanzt bist.» Ein aktives Kind war er schon immer gewesen. In der Primarschule fiel er im Schulmusical auf. «Das Tanzen brach regelrecht aus mir heraus. Ich tat Sachen auf der Bühne, über die im Dorf noch wochenlang gesprochen wurde.» Doch zum Profitänzer wurde Arnon relativ spät. Als Teenager hat er Leichtathletik gemacht und Fussball gespielt.

Tanz im Büro

«Ich bin gay», sagt Arnon unverhohlen. Irgendwann sei ihm die Machowelt des Fussballs zu viel geworden, auch wenn er nebst den weniger schönen auch gute Erinnerungen an diese Zeit habe. «Wir sind eine fussballverrückte Familie.» Mehr aus Neugierde sei er anfangs mit einer Freundin an eine Audition – ein Vortanzen – mitgegangen. Er habe damals Wirtschaft studiert und in den jeweiligen Praktika gemerkt, dass er am falschen Ort sei. «Ich habe manchmal einfach im Büro die Musik aufgedreht und getanzt.» Arnon wurde schliesslich an der «5 o’clock class» der Academy of Theatre and Dance in Amsterdam aufgenommen und entdeckte dort die für ihn neue Welt des klassischen Balletts und des zeitgenössischen Tanzes. Er sei bereits 19 Jahre alt gewesen, als er sich bange gefragt habe: «Kann ich daraus einen Beruf machen?»

Schliesslich studierte Arnon an der Amsterdamse Hogeschool voor de Kunsten und an der Alvin Ailey School in New York. In Erinnerung an die Schule in Amsterdam fischt er ein Zitat heraus, das er sich auf Deutsch – eine Sprache, die er vom Holländischen her ein wenig versteht, aber noch nicht beherrscht – notiert hat. «Von den Scheuklappen zum Helikopterblick» habe man die Tänzerinnen und Tänzer an dieser Schule geführt, sprich ihr Repertoire ständig erweitert. Viel Wert auf individuelles Wachstum habe man gelegt und das Beste aus jedem herausgeholt.

Tanz mit Naturgewalt

Bevor er nach Bern kam, hatte Arnon bei einer Kompagnie in Rotterdam getanzt. Als er die Ausschreibung in Bern gesehen habe, habe er gedacht, dass er da hinpassen könnte. Und es passte: Für ihn sei es von Anfang an ein «Match» gewesen, ein Volltreffer, zwischen ihm und der Stadt. Die Kompagnie begeistere ihn durch ihre ständige Frische, ihre grosse Vielfalt mit mehr als zehn verschiedenen Nationalitäten.

Am Samstag ist das Ensemble in der Premiere von «Vier Jahreszeiten» basierend auf Vivaldis berühmter Partitur zu sehen. Er werde an jenem Abend ein Duett mit der japanischen Tänzerin Nozomi Matsuoka tanzen, verrät Arnon. Es geht um Naturgewalten. Eine solche ist Arnon auch selbst. Oder um es in seinen eigenen Worten zu sagen: «Ich bin ein Bühnentier. Ich nutze meinen grossen Körper mit Flow, einem urbanen Touch und ganz viel Sinnlichkeit.»

Premiere: «Vier Jahreszeiten», Sa, 19.30 Uhr, Stadttheater Bern.

Berner Zeitung

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