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Crash, Trash und nichts zu tun

Das Stück «Noir» von Matto Kämpf und Christina Rast ist ein schräger, existenzieller Reigen,der das Schlachthaus-Theater in eine Tankstelle verwandelt. Hier wird geliebt, deliriert und scharf geschossen.

Die Handlung in «Noir» zerläuft wie das Erdbeereis in der Truhe. Foto: Janosch Abel
Die Handlung in «Noir» zerläuft wie das Erdbeereis in der Truhe. Foto: Janosch Abel

«Es ist wieder einmal ein heisser Winterabend im Gantrisch», lässt uns eine Radiomoderatorin wissen. Die schlecht gelaunte Tankstellenwartin Lina (Newa Grawit) muss eine Kühltruhe, aus der das Erdbeereis läuft, und einen Tresor bewachen. Ein Weihnachtsbäumchen und ein Sonnenschirm zeugen von der Schieflage des Klimas (Bühne: Franziska Rast). Das Publikum ist quer im Raum platziert, sodass alle mittendrin sind, aber nicht alle das Gleiche wahrnehmen, allen aber bald Hören und Sehen vergehen.

Ausreisserin und Prepper

Eine Liveband bestehend aus Taranja Wu und Lukas Langenegger rockt die Bühne, Grillen zirpen, Schüsse knallen, Kunstblut fliesst. «Noir» von Matto Kämpf (Text) und Christina Rast (Regie) spielt wohl in einer nahen Zukunft: Es ist heiss, und die Menschen sind verrückt geworden. Bereits für «Die Schwestern Karamasoff» haben Kämpf und Rast zusammengespannt. Bei «Noir», einer Zusammenarbeit mit dem Schlachthaus-Theater und dem Theater Winkelwiese, ist mehrheitlich das gleiche Ensemble wiedervereint.

Die auch aus Fernsehen («Tatort») und Film («Jeune homme») bekannte Mona Petri spielt eine überdrehte Ausreisserin, die der Tankstellenwartin Lina den Kopf verdreht. Bonnie und Clyde oder eher Thelma und Louise kommen allerdings nicht vom Fleck. Irgendwie will es mit dem Autoklauen nie so recht klappen. Und da ist auch noch der in Lina verliebte Kleinganove (Dominik ­­Gysin), der immer im falschen Moment auftaucht. Er ist die Karikatur eines sogenannten Preppers, der sich auf die nahende Endzeit vorbereitet. «Dr Dschungel chunnt», ist der nicht allzu helle Mann mit der grossen Knarre überzeugt.

Endstation Kühltruhe

Die Kugeln fliegen in «Noir» in Zeitlupe durch den Raum. Schwarz gekleidete Darstellerinnen bewegen die fluoreszierenden Projektile, bis sie in einem Arm oder einer Brust landen, die Personen niederstrecken und Blut fliesst. Die Kühltruhe wird zur Grabstätte für Scheintote, die niemals Ruhe geben. «Wer sich an das Absurde gewöhnt hat, findet sich in unserer Zeit gut zurecht», lautet ein Zitat des französisch-rumänischen Dramatikers Eugène Ionesco (1909–1994).

Das mit filmischen Momenten angereicherte Stück ist Rockkonzert, Kindergeburtstag und Dystopiein einem.

Ionesco liess sich für sein absurdes Theater vom Zirkus, der Farce oder Vaudeville inspirieren. Kämpf und Rast treiben es noch bunter. Ihr mit vielen filmischen Momenten angereichertes Stück ist Rockkonzert, Kindergeburtstag und Dystopie in einem. Die Handlung zerläuft wie das Erdbeereis in der Truhe. Leitmotiv ist ein Verkehrsunfall, den alle Gäste nach Verlassen der Tankstelle erleiden.

Ein Drogentrip mit Kirschstängeli, der Besuch eines Cyborgs, eine schlafende Polizistin und fliegende Fledermäuse suchen Tankstellenwartin Lina heim. Am Ende bleibt die Frage: Hat sie sich das alles nur erträumt, weil sie sonst nichts zu tun hatte an diesem heissen Winterabend im Gantrisch?

Nächste Vorstellung: Fr, 27.12., 20 Uhr, Schlachthaus-Theater, Bern.

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