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Darf man das?

Zwischen Brechreiz und Respekt: Milo Rau und das Theater Hora gehen am Zürcher Schauspielhaus mit dem Stück «Die 120 Tage von Sodom» hart an die Grenze des Erträglichen. Ein Skandal?

Das letzte Abendmahl. Hier essen sie noch Kot, bald gehts ans Lebendige: Schauspieler im Stück «Die 120 Tage von Sodom».
Das letzte Abendmahl. Hier essen sie noch Kot, bald gehts ans Lebendige: Schauspieler im Stück «Die 120 Tage von Sodom».
Toni Suter/zvg

Am Schluss ist es nicht mehr auszuhalten. Alle werden sie abgemetzelt, die Schauspieler mit Behinderung des Theater Horas. Theaterblut spritzt, Augen werden herausgestochen, das geht noch.

Als einer Schwangeren der Bauch aufgeschlitzt wird und wir den verschmierten Fötus per Filmkamera auf der Leinwand aus nächster Nähe betrachten können, hilft nur noch wegschauen. Auf die Uhr. Sie bringt die Gewissheit: Zwei Stunden sind fast um, es ist bald überstanden.

Die Nachbarin rechts hält die Hände vor das Gesicht, der Mann rechts flüstert «Nein, nein!» und unter der nassen Kritikerhand schlägt der Notizblock Wellen. «Die 120 Tage von Sodom» von Milo Rau und dem Theater Hora am Schauspielhaus Zürich foltert die Nerven. Vielleicht ist es der stärkste Tobak, der je auf einer Schweizer Bühne gezeigt wurde.

Film im Theater

Der 40-jährige Berner Milo Rau ist ein gefeierter Regisseur: Weil er im Theater Realität abzubilden sucht. In «Hate Radio» (2011) ging es um den Völkermord in ­Ruanda, «Breiviks Erklärung» (2012) nahm die Memoiren des norwegischen Terroristen als Vorlage.

Letztes Jahr zeigte er in Gent «Five Easy Pieces»: Er liess Kinder die Kindermorde des Belgiers Marc Dutroux nachspielen. Dafür wurde er zum zweiten Mal ans Theatertreffen in Berlin eingeladen – die höchste Ehre im deutschsprachigen Theater.

«Reinactment» heisst Milo Raus Theaterdisziplin. Eine Nachstellung ist auch «Die 120 Tage von Sodom». Der gleichnamige Film von Pier Paolo Pasolini (1922–1975) war ein Skandal der Filmgeschichte – der sich auf einen Skandal der Literaturgeschichte berief, das ebenso be­titelte pornografische Buch von Marquis de Sade (1740–1814).

Pasolinis Film (1975) spielt am Ende des Zweiten Weltkriegs. Ein paar Faschisten entführen Jugendliche auf ihr Schloss und leben dort an ihnen auf grausame Weise ihre perversen Macht- und Sexfantasien aus.

Milo Raus Nachstellung ist ein Film im Theater. Die Schauspieler Robert Hunger-Bühler, Michael Neuenschwander und ­Dagna Litzenberger Vinet vom Schauspielhaus spielen mit elf Schauspielern des Theaters Hora Schlüsselszenen des Filmes nach. Es wird gevögelt, vergewaltigt, Kot gegessen und eben, gemetzelt. Richtig krass macht das Ganze eine weitere, psychologische Ebene.

Die Horas sind die letzte Generation von geistig Behinderten, weil durch die Möglichkeiten der Früherkennung etwa kaum mehr Kinder mit Trisomie 21 zur Welt kommen. Die Botschaft: Wir sind die Faschisten, wir sind schuld, dass Menschen wie die Horas, die weltweit das Theaterpublikum begeistern, heute gar nicht mehr auf die Welt kommen.

Gefühl der Beklemmung

Das ist eine Holzhammermethode. Eine äusserst wirkungsvolle, die das Gefühl der Beklemmung in immer höhere Sphären treibt. Dabei rotiert der moralische Kompass längst wild. Behinderte, die ihren nackten Po in die Kamera strecken.

Darf man das? Behinderte, die nackt eine – allerdings sehr liebevolle – Sexszene spielen. Will man das sehen? Eine Hora-Schauspielerin, die von ihrer Vergewaltigung erzählt – ist das echt? Falls ja – was zum Henker?

Auf der anderen Seite ist jederzeit sichtbar, dass beim Theater Hora Schauspieler am Werk sind, die ernst genommen werden, von Regie und Publikum. Es sind dann eben doch beeindruckende Szenen. Niemand wird geschont, lautet das Credo, keine falsche Rücksicht auf niemanden. Und so verlässt man am Schluss verstört und hin- und hergerissen den Saal.

«Die 120 Tage von Sodom»: bis 12. März, Schiffbau (Box), Zürich. www.schauspielhaus.ch

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