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Das bizarre Ende der Ceausescus

Zwei Stunden bis zur Erschiessung: Milo Rau und Simone Eisenring bringen den Schauprozess gegen das Diktatorenpaar Ceausescu originalgetreu auf die Bühne. Heute findet in Bern die Schweizer Erstaufführung statt.

Die Reinszenierung: Victoria Cocias und Constantin Cojocaru in der Rolle des Diktatorenpaars.
Die Reinszenierung: Victoria Cocias und Constantin Cojocaru in der Rolle des Diktatorenpaars.
zvg

«Lang lebe das freie Rumänien», rief der Diktator noch, bevor er standrechtlich erschossen wurde. Neunzig Kugeln beendeten das Leben von Nicolae Ceausescu und seiner Ehefrau Elena am 25.Dezember 1989. In einem bizarren Blitzprozess war das Paar zuvor in der Militärkaserne von Tirgoviste zum Tod verurteilt worden. Die TV-Bilder des Prozesses gingen um die Welt. Sie suggerierten den Sieg der Demokratie über die kommunistische Herrschaft im gebeutelten Land. Und sie blieben im kollektiven Gedächtnis haften – als mythenumranktes Ereignis, als Symbol für das Umsturzjahr 1989. Erst kürzlich, 20 Jahre nach der Revolution, flimmerten die Szenen wieder über die Bildschirme.

Nun kommt der kläglich kurze Schauprozess in Bern auf die Bühne – minuziös nachgespielt von rumänischen Darstellern, in nachgebauten Kulissen. Von einem «quälend dichten, absurd detailgetreuen Theaterabend» schrieb «Die Welt» kürzlich anlässlich der Uraufführung in Berlin. Ein Film und ein 300-seitiges Buch («Materialien, Dokumente, Theorie») ergänzen das Kammerspiel «Die letzten Tage der Ceausescus», inszeniert von Milo Rau und Simone Eisenring.

«Aura der Wiederholung»

«Die Aburteilung und Hinrichtung des Diktatorenpaars ist ein reines Fernsehereignis geblieben, ohne gross hinterfragt zu werden», sagt Milo Rau, Mitinitiator des Projekts. Der umtriebige Berner lebt seit Jahren in Berlin. Hier wirkt er als Autor, Regisseur und Leiter der Produktionsplattform International Institute of Political Murder (IIPM), die sich dem «Reenactment» verschrieben hat – der Nachstellung historischer Ereignisse. Die Kunst des Reenactments bestehe darin, den Zuschauer in eine Situation zu bringen, «die die unheimliche Aura einer Wiederholung hat, aber trotzdem ganz offen ist», hält der 32-Jährige fest.

Das Spiel mit der Authentizität ist vertrackt und spannungsvoll zugleich. Das gilt besonders für «Die letzten Tage der Ceausescus»: Schliesslich wird hier ein Prozess reinszeniert, der bereits im Original ein wirkungsvoll inszeniertes «Theater» war – für die TV-Öffentlichkeit im Westen und für die Bevölkerung des Landes, das an der Schwelle zum Bürgerkrieg stand. Ein Prozess auch, der mit dem Ausdruck «grotesk» noch gnädig umschrieben ist: Da ist ein eilends eingesetzter Anwalt, der durchwegs für die Todesstrafe seiner Mandanten plädiert. Da ist ein Metzgergeselle, der als Ankläger auftritt und von einem Pappkameraden-Gericht mit Stichworten versorgt wird. Und da sind die beiden Angeklagten, die sich in der miefigen Kaserne in starrsinniger Verweigerung üben. «Ich antworte vor diesem Gericht nicht, sondern nur vor der Grossen Nationalversammlung», lässt Ceausescu gebetsmühlenartig verlauten. Und als man ihm vorwirft, er habe ausschliesslich importierte Lebensmittel konsumiert, nennt der Diktator die exakte Kalorienzahl seiner täglichen Gemüsediät.

«Korrektur der Geschichte»

Sechs Monologe, gewonnen aus Zeugenaussagen, die im Rahmen der Recherchen aufgezeichnet wurden, gehen der Reinszenierung voraus. Sie malen die Atmosphäre jener Tage aus und rekonstruieren die Ereignisse: Die Flucht der Ceausescus, den Verrat der Generäle, die Intrigen und Morde, die das revolutionäre Geschehen begleiteten – Vorgänge, in denen Rau «ein Königsdrama Shakespeare’schen Ausmasses» zu entdecken glaubt.

Entsprechend gross sind auch die Ambitionen des Regieduos. Durch die rituelle Vergegenwärtigung wollen sie eine Reflexion darüber in Gang setzen, «wie Geschichte gemacht wird», wie das Tribunal zum Mythos wurde und was denn eigentlich genau geschah – ohne selbst eine (politische) Haltung einzunehmen. Dass Rau gar «eine Korrektur der Geschichte der rumänischen Revolution» vorschwebt, mag vermessen erscheinen. Für Zündstoff sorgt das Stück aber allemal: Die Vorpremiere in Bukarest – in Anwesenheit von General Stanculescu, der den Schauprozess organisierte – hat eine heftige Debatte ausgelöst, die nach wie vor anhält.

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