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Demonstrationen gegen kontroverses Theaterstück

Ein deutsches Theater zeigt ein Stück über ein Ereignis, das 100 Jahre zurückliegt - die Tötung von Armeniern während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich. Das Stück ist höchst umstritten.

Bis zu 1,8 Millionen Armenier wurden damals aus Ostanatolien vertrieben: Demonstration gegen das Theaterstück «Das Märchen vom letzten Gedanken» in Konstanz. (21. März 2014)
Bis zu 1,8 Millionen Armenier wurden damals aus Ostanatolien vertrieben: Demonstration gegen das Theaterstück «Das Märchen vom letzten Gedanken» in Konstanz. (21. März 2014)
Keystone

Die Haltung der Demonstranten vor dem Konstanzer Theater scheint ebenso verständnisvoll wie unmissverständlich: «Wir empfinden grosse Wertschätzung und Respekt vor dem Hintergrund, dass wir in einer Demokratie leben, die uns verfassungsspezifische Rechte gewährt», sagt Tugrul Aras, einer der Organisatoren der Protestaktion am Freitagabend. Auch Kunst- und Meinungsfreiheit fielen darunter. Aber: «Wir sind der Meinung, dass die Kunst eine gewisse Grenze hat.»

Grund des Anstosses: Ein Theaterstück über die Tötung von Armeniern während des Ersten Weltkrieges im Osmanischen Reich. Das Theater Konstanz zeigte am Freitag die Uraufführung. Die Inszenierung von Edgar Hilsenraths Roman «Das Märchen vom letzten Gedanken» schildert die Ereignisse von 1915/16 aus der Sicht eines Märchenerzählers - dessen Rolle gleich von mehreren Schauspielern übernommen wurde.

Damals wurden bis zu 1,8 Millionen Armenier aus Ostanatolien vertrieben. Die Osmanen sahen sie als Verbündete des Kriegsgegners Russland an. Nach Angaben des Zentrums gegen Vertreibungen in Wiesbaden starben bei den Deportationen fast 1,5 Millionen Menschen. Die heutige Türkei, in der nur noch eine kleine armenische Minderheit lebt, spricht von 200'000 Toten und weist den Vorwurf des Völkermords zurück.

Uraufführung war ausverkauft

Die Inszenierung, die unter der Regie von Mario Portmann nicht an deftigen Ausdrücken und derben Szenen spart, sorgte in Konstanz bereits einige Tage zuvor für Missstimmung. Das Stadttheater erhielt E-Mails mit der Forderung, das Stück abzusetzen.

Auch das türkische Generalkonsulat in Karlsruhe schaltete sich ein - mit der Bitte, vor den Vorstellungen über die gegensätzlichen Positionen zu den Ereignissen zu informieren. Immerhin: Der Nachfrage schien das nicht geschadet zu haben. Die Uraufführung war ausverkauft.

Völkermord ja oder nein?

Die rund hundert Demonstranten vor dem Theater störten sich vor allem an den Werbeplakaten für das Stück: Sie zeigten die Füsse eines am Boden liegenden Menschen, über dem ein weisses Tuch ausgebreitet ist. Darüber weht die türkische Flagge, Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wird mit den Worten zitiert: «In unserer Geschichte wurde kein Völkermord begangen.»

Den Tod eines Unschuldigen könne man nicht auf diese Weise mit der Flagge einer Republik vereinen, sagte Aras. Die künstlerische Freiheit sei auf Kosten der Menschenwürde ausgenutzt worden. «Das ist der Grund, warum wir uns versammelt haben.»

Die Armenische Gemeinde Baden-Württemberg zeigte sich «fassungslos und bestürzt». Der Völkermord sei international völlig unbestritten, sagte Pfarrer Diradur Sardaryan laut einer Mitteilung. «Wenn die Türkei dieses Verbrechen bis heute leugnet, ist das nur ein Zeichen der eigenen Ignoranz; wenn sie nun aber auch in Deutschland verlangt, die Geschichte zu verfälschen, ist das schlicht Wahnsinn.»

Finger in Wunde legen

Es sei die Aufgabe der Kunst, den Finger in Wunden zu legen, sagte Baden-Württembergs Europaminister Peter Friedrich, der die Aufführung am Freitagabend besuchte. «Ich glaube, es ist notwendig, dass sich eine Gesellschaft mit solchen Fragen beschäftigt. Und dass es aufwühlt, merkt man an der Demonstration.»

Theaterintendant Christoph Nix hatte die umstrittenen Plakate vor der Aufführung zwar entfernt - aus Respekt gegenüber der türkischen Gemeinde, wie er sagte. Er betonte jedoch: «Kunst ist unermesslich frei.»

SDA/ajk

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