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Die Zukunft gehört den Frauen

Die Bayreuther Festspiele begannen mit einem «Lohengrin» ganz in Blau. Christian Thielemann dirigierte, Yuval Sharon inszenierte, die Künstler Neo Rauch und Rosa Loy schufen das Bühnenbild.

In dieser Inszenierung sinken für einmal die frauenfeindlichen und kriegslüsternen Heerscharen entseelt zu Boden. Bild: Enrico Nwarath (PD)
In dieser Inszenierung sinken für einmal die frauenfeindlichen und kriegslüsternen Heerscharen entseelt zu Boden. Bild: Enrico Nwarath (PD)

Ganz am Schluss schwankt ein bis in die letzte Gesichtsfalte grüner Mann ins nachtblaue Interieur. Heiterkeit und Unwillen im Bayreuther Festspielpublikum. Was soll dieser Rest Regietheater in einer sonst spektakelfreien Inszenierung? Einer Aufführung, die den Sängern und Dirigent Christian Thielemann jede Chance gab, zu brillieren und ungehindert auszusingen.

Allen voran Piotr Beczala als Titelheld. Lohengrin ist der Gesandte einer allmächtigen Hilfsorganisation, die ihre Emissäre mit Zauberkräften ausstattet. So einer muss als Sänger ein Strahlemann sein. Diesen Typus vertritt Piotr Beczala perfekt. Seine Stimme ist voller Sehnsucht, warm im Klang. Nie leiert er die Melodien aus. Nie leistet er sich Schluchzer, ist dennoch immer Seele und Gefühl.

Als er der unschuldig angeklagten und in Bayreuth schon auf dem Scheiterhaufen schmurgelnden Elsa zu Hilfe eilt, verliebt er sich auf den ersten Blick in sie. Sein Hilfsangebot klingt dann wie eine Erpressung: Ich helfe dir, wenn du mich heiratest. Elsa (Anja Harteros) sagt Ja.

Sie akzeptiert dann auch ohne viel nachzudenken die zweite Männerforderung Lohengrins, ihn nie zu fragen, wer er sei. Nun hat dieses Frageverbot die Exegeten schon immer erregt. Es ist ja auch ein klassisches Thema für Philosophie, Genderstudies, Wagnerianer, Feministinnen. Aber nicht bühnentauglich. Wie wollte man es in seiner abstrakten Ungreifbarkeit auch auf die Bühne bringen?

Unheil macht sich breit

Die Bayreuther Ausstatter Neo Rauch & Rosa Loy sowie ihr Regisseur Yuval Sharon haben es gar nicht erst versucht. Sie lassen lieber die Musik sich verströmen, und Christian Thielemann sorgt dafür, dass die Hüllkurven der Geschichte (konkrete Inhalte kann die Musik ja nicht abbilden) deutlich werden. Dass sich also nach und nach das Unheil breitmacht in dieser als Rettungsgeschichte beginnenden Oper und am Schluss kein Happy End mit Hochzeit steht, sondern die Scheidung.

Im ersten Akt steht der Chor um ein Umspannwerk herum. Das Blau, das den Abend dominiert, hat schon Nietzsche aus dem narkotischen Vorspiel herausgehört, in dem ein Gnadenkelch, der Gral, vom Himmel herabschwebt. Das Blau, das der weltberühmte Maler Neo Rauch dem Abend konsequent verordnet, ist ebenfalls ein Narkotikum. Aber es greift tiefer: Es ist das Nachtdunkel der Geschichte, mütterlich sorgend, warm und betörend wie Wagners Musik. Die Menschen wollen davon nicht weg. Schon gleich gar nicht hin zu dem klobigen Umspannwerk. Das verspricht zwar ein besseres Leben, taucht das Leben aber zugleich in das unerträglich grelle Licht der Vernunft. Und das erschreckt die mittelalterlich dunkel ausstaffierten Chorsänger.

Wenn schon Licht, dann eine anständige Hexenverbrennung. Die mit Elsa geht schief, dafür muss am Ende ihre Gegnerin Ortrud dran glauben. Beide sind sie Rebellinnen gegen die Männerwelt, und vielleicht gelingt deshalb ihr grosses Duett besonders gut. Anja Harteros und Waltraud Meier sind beide eigenwillige Sängerinnen, die ihre stimmlichen Defizite zur Ausdruckssteigerung nutzen. Weil sie genau wissen, wie Wagner denkt, strukturiert, Höhepunkte vorbereitet, können sie aus diesem fies hinterhältigen Duett eine grandiose Verschwörungsszene zweier Frauen gegen die Männerwelt machen. Und Christian Thielemann hilft bei diesem Komplott kongenial mit.

Elsa serviert den Gatten ab

Thielemann ist immer Klangzauberer. Er kann auch antreiben, grosse Bögen aussingen, Martialisches krachen lassen und Volkstümliches hinschunkeln. Vor allem aber kann er den Klang auffächern, abdämpfen, wattieren. Darin ist er immer besser geworden. Und so schwebt dieser «Lohengrin» oft wie eine impressionistische Farborgie daher, die aber nie den tödlich tragischen Gang der Geschichte verschleiert.

Im dritten Akt dann zunehmend Orange. Lohengrin lebt an Elsa seine sadistischen Leidenschaften aus. Und dabei mutiert sie vom verschreckten Angstwesen zu einer in Orange gekleideten selbstbestimmten Frau. Sie ist es, die ihren Gatten abserviert.

Am Ende kommt ihr Bruder wieder, den sie ermordet haben soll. Der Bruder ist der grüne Mann, ein Hoffnungsträger in der Welt der uniformen Graumenschen. Deshalb sinkt in dieser Inszenierung dann auch nicht Elsa, wie von Wagner verordnet, entseelt zu Boden, sondern es sind die frauenfeindlichen und kriegslüsternen Heerscharen.

Im Hintergrund bleibt auch Ortrud stehen. Diesen beiden Frauen wird die Zukunft ge­hören.

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