Ein Flüchtling schickt Postkarten

«Der Junge mit dem Koffer»: Das Theater Kanton Zürich geht mit einem Stück über Flüchtlinge in die neue Saison.

Joachim Aeschlimann, Michael von Burg, Julka Duda in «Der Junge mit dem Koffer». Foto: Judith Schlosser

Joachim Aeschlimann, Michael von Burg, Julka Duda in «Der Junge mit dem Koffer». Foto: Judith Schlosser

Stefan Busz@sbusz

Nein, solche Geschichten will Krysia, die junge Frau auf der Flucht, nicht mehr hören. Denn es sind alles Märchen, die ihr unterwegs erzählt werden: von Sindbad, dem Seefahrer, der auf dem Rücken eines Wales strandet; vom geizigen Mann, der in einen Teich gefallen ist und gerettet wird; vom Glücksucher, der hofft, endlich das Glück zu finden. Nein, solche Geschichten helfen Krysia nicht wirklich weiter auf ihrem Weg.

Kein Schlepper nimmt Poesie in Zahlung, kein Wolf wird zahm durch schöne Worte. Und doch hört der junge Naz, der Krysia begleitet, nicht auf, solche Märchen von Sindbad und Co. zu erzählen. Er glaubt selber an ein besseres Leben, das ihn in London, auf der anderen Seite der Erde, erwartet. In England sei alles wie Milch und Honig, hat ihm sein Bruder auf einer Postkarte geschrieben.

Wie oft haben wir schon solche Geschichten gehört, gelesen, gesehen. Ein Happy End kann das Theater Naz und Krysia nicht bieten. Das Stück «Der Junge mit dem Koffer» des britischen Dramatikers Mike Kenny zeigt den Horror, den Jugendliche auf ihrer Flucht vor dem Krieg in ihrer Heimat erleben. Im Katalog der Schrecken aufgelistet sind: marodierende Soldaten, Schlepper, gutmenschelnde Touris. Und natürlich ist London nicht das Paradies. Man spuckt dort auf die Menschen, die mit nichts ankommen. Niemand möchte eigentlich hören, was unterwegs mit ihnen passiert ist. Denn eigentlich wissen wir es schon lange.

Zurück kann hier niemand

Und doch: Ein gutes Zuhause hat «Der Junge mit dem Koffer» im Theater Kanton Zürich gefunden. Denn es kommt auch darauf an, wie man diese Geschichte erzählt. Johanna Böckli, die hier zuletzt «Tschick» inszenierte, ist freundlich zum Stück und auch freundlich zu den Figuren. Ganz einfach ist die Anlage. Auf der Bühne stehen ein Baum und eine Sitzbank, daneben Abfallkorb und Ölfass, das ist der Schauplatz für die vielen Stationen des Stücks. Ein Warteraum. Zurück kann hier niemand. Und auch weiter geht es nicht.

Ganz einfach sind die Aussagen: «Als ich zu Hause war, wusste ich, wer ich bin. Ich war einfach ich. Jetzt war ich ein Flüchtling», sagt Naz. Joachim Aeschlimann spielt diesen jungen Mann auf der Flucht, Julka Duda ist Krysia, Michael von Burg teilt sich die Rollen der Menschen, die den Flüchtlingen auf ihrem Weg begegnen. Man folgt diesen Schauspielern gern durch die Geschichte, die wie immer, wenn es um Fluchten geht, ihre Grenzen hat.

Weitere Aufführungen in Winterthur am 8. und 9. September, dann unterwegs durch den Kanton.

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