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Ein Trommler als One-Man-Band

Im Stück «Die Blechtrommel» trommelt Oskar Matzerath um sein Leben. Michael von Burg schlüpft dabei in alle Figuren aus dem Kultroman von Günter Grass.

Ein komischer Kauz in kurzen Hosen steht auf braunem Tuch und blickt ins Publikum. «Wie fange ich an?», fragt er rhetorisch – und erzählt dann von seiner Grossmutter mit den vier Röcken, unter denen sie einen Brandstifter vor den Nazis versteckte.

Es ist Oskar Matzerath, die legendäre Figur aus dem Roman «Die Blechtrommel» (1959) von Günter Grass, der zum Publikum spricht. Der mit einer Spielzeugtrommel bewaffnete Gnom, der mit drei Jahren beschliesst, nicht mehr zu wachsen – aus Protest und Ekel gegenüber der Erwachsenenwelt –, ist in der Theaterfassung von Oliver Reese wiederauferstanden.

«Blechtrommel» als Solostück

«Die Blechtrommel» ist ein Stück mit einem einzigen Schauspieler, der in raschen Rollenwechseln die anderen Figuren lebendig werden lässt. Im Theater an der Effingerstrasse schlüpft der ­41-jährige Schauspieler Michael von Burg, den man auch aus Film («Stille Liebe») und Fernsehen («Der Bestatter») kennt, in die Rolle des unerbittlichen Aufklärers und Beobachters einer grässlichen Zeit. Wenn Matzerath beim Trommeln schreit, kann er damit Glas zerspringen lassen und einmal sogar einen Nazikongress torpedieren.

Die Rolle Matzeraths geprägt hat die eindrückliche Verfilmung von Volker Schlöndorff aus dem Jahre 1979, in der der damals ­13-jährige, kleinwüchsige David Bennet den Trommler spielte. Dem in Zürich lebenden Schauspieler Michael von Burg gelingt eine eigene Version des Charakters, eine fast noch groteskere. Er liefert eine schauspielerische Meisterleistung: Von Burg lässt die prägnantesten Szenen von Buch und Filmvorlage im Alleingang lebendig werden.

Etwa als an der Ostsee mit einem Pferdekopf Aale gefangen werden, bei dessem Anblick Matzeraths Mutter, die später an den Folgen einer Abtreibung stirbt, erbrechen muss. Oder wie er seinen mutmasslichen Vater Alfred Matzerath beim Einfall der Russen das NS-Parteiabzeichen verschlucken lässt. Oskar Matzerath steht zwar auf der Seite des Widerstands, ein Sympathieträger ist er aber deshalb noch lange nicht. Eklige Spiele treibt er etwa mit dem Dienstmädchen, das nicht ganz zu begreifen scheint, dass in dem Kind eigentlich ein lüsterner Halbwüchsiger steckt.

Brauner Acker

Markus Keller, seit 1996 künstlerischer Leiter am Theater an der Effingerstrasse, ist sowohl für Bühne wie Regie zuständig. Das Bühnenbild könnte karger nicht sein. Ein braunes Tuch ergibt einen Kartoffelacker und steht gleichzeitig für die braune Zeit – den Nationalsozialismus –, in die Oskar Matzerath hineingeboren wird.

Aus drei Tabourets, die in ihrer Überdimensioniertheit Matzerath besonders klein erscheinen lassen, baut der Trommler allerlei Kulissen. Sein Sturz in den Keller, der ihm als Vorwand dient, nicht mehr zu wachsen, sein Auftritt im Zirkus und sogar seine eigene Geburt – was auf der kleinen Bühne im Effinger alles stattfindet, ist ebenso minimalistisch wie effektvoll.

Vorstellungen:bis 25. Mai, Theater an der Effingerstrasse, Bern. www.dastheater-effingerstr.ch

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