«Eine Art Klassentreffen»

Matthias von Hartz leitet neu das Theater Spektakel. Sein erstes Programm versteht er als politisch, aber nicht als ideologisch.

Auf Festivals spezialisiert: Matthias von Hartz, künstlerischer Leiter des Theater Spektakel. Foto: Doris Fanconi

Auf Festivals spezialisiert: Matthias von Hartz, künstlerischer Leiter des Theater Spektakel. Foto: Doris Fanconi

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Herr von Hartz, wozu braucht es so viele Theaterfestivals? Es werden immer mehr.
Die Rolle von Festivals ist ständig im Wandel. Aber eins ist geblieben: Es braucht mehr denn je Orte für internationale Kunst. Ich glaube fest daran, dass die direkte Begegnung mit anderen Lebensrealitäten ohne medialen Filter oder politische Inanspruchnahme gerade heute wichtig ist. Festivals haben dabei die Freiheit, das Besondere zu präsentieren – Kunst, die nicht ins Format der Häuser passt: wie dieses Jahr unser One-to-one-Aleppo-Projekt von Mohammad al-Attar. Darüber hinaus ist gerade das Zürcher Theater Spektakel ein hervorragendes Beispiel dafür, dass es Festivals gelingt, ein breites Publikum für anspruchsvolle Kunst zu gewinnen, die es sich sonst vielleicht nicht ansähe.

Ist es nicht auch politische Inanspruchnahme, wenn Sie Anti-Konsum-Prediger wie Reverend Billy einladen?
Andersherum wird ein Schuh daraus: Wenn man heute als wacher Mensch durch die Welt geht und Kunst macht, ist kaum zu vermeiden, dass diese, zumindest auch, politisch ist.

Ihr Vater war Banker, Sie studierten Wirtschaft. Auch Ex-Intendant Matthias Hartmann hat einen kauf­männischen Hintergrund. Prägt so ein Gepäck, stachelt es an?
Oh, dieser Vergleich ist mir ja noch nie untergekommen! (lacht) Ich hoffe sehr, dass das die einzige Parallele ist. Vermutlich wäre ich ein weniger politisch denkender Mensch und ein weniger politisch kuratierender künstlerischer Leiter, wenn ich nicht diesen gesellschafts­wissenschaftlichen Hintergrund hätte.

Ein Unterschied: Hartmann inszeniert auch.
Für mich persönlich gilt: Ich inszeniere viel lieber ein Gesamterlebnis Festival als ein einzelnes Stück; mich interessiert der soziale Vorgang Kunstbesuch.

Unterscheiden sich die Festivals, die Sie gestaltet haben – von Hamburg über Berlin und Athen bis Zürich?
Festivals formt man ja für den Kontext einer Stadt. Was alle vier Städte verbindet, ist, dass internationale Kunst grossteils an Festivals sichtbar wird. Die Festivals in Hamburg und Zürich sind am ehesten direkt vergleichbar, als singuläre Ereignisse. In Berlin machen Sie ein Festival in einer Stadt, in der es viel mehr Angebote gibt, wenn auch kein grösseres internationales Theaterfestival. Da macht man ein spezialisierteres Programm. Das Athens & Epidaurus Festival ist eher der Gegenentwurf: als nationales Kulturereignis mit fast zehn Millionen Euro Budget, 250'000 Besuchern und einem Programm von Opernpremieren und Produktionen im Amphitheater bis zur vielfältigen Avantgarde.

«Wenn man Kunst macht, ist kaum zu vermeiden, dass diese politisch ist.»

Wieso war mit den Berliner Foreign Affairs 2016 Schluss?
Das Festival funktionierte super, das interdisziplinäre Gross­projekt von William Kentridge wurde oft als Berliner Highlight des Jahres 2016 genannt. Es gab jedoch intern den Entscheid des Intendanten der Berliner Festspiele, lieber selbst ein Programm unter anderem Titel zu machen. Und ich hatte das spannende Angebot aus Athen.

Sie sind in Bayern aufgewachsen, in Hamburg an der Akademie ausgebildet, dort und in verschiedenen Hauptstädten tätig: Hatten Sie beim Ankommen in der Schweiz Schwierigkeiten?
Aus Athen kommend, kann man einiges merkwürdig finden, aber Schwierigkeiten? Nee, ich habe ja meine Jugend mit DRS 3 verbracht (lacht) . Überhaupt: Ich bin am Bodensee aufgewachsen, was dem echten Bayern nicht so richtig als Bayern gilt. Und die Lebensfreude und die Naturverbundenheit aus Süddeutschland finde ich in Zürich ebenso wie die Hamburger weltoffene Zurückhaltung. Bodensee plus Hamburg ist doch quasi Zürich. Berlin kann ich in Zürich nicht entdecken. Das gibt es hier nicht.

Hoppla! Und London, wo Sie Volkswirtschaft studierten?
Ich bin sehr froh, dass es hier nicht zu viel von London gibt. Dort würde ich nicht mehr wohnen wollen, die Stadt ist unglaublich durchkommerzialisiert. Wenn man internationale Kunst kuratiert, lebt man ja hauptsächlich auf Flughäfen und Bahnhöfen, aber dazwischen bin ich sehr froh, dass ich nun nah an der Limmat wohne und da schwimmen kann. Das Studium in London war zwar super. Dennoch: Ich hatte von Anfang an parallel zur Ökonomie Theater studiert, und da war es nicht wahnsinnig schwer, zu entscheiden, was lustiger ist und wie ich weiterarbeiten möchte.

Hatten Sie ein prägendes Theatererlebnis?
Verschiedene, die letztlich gemeinsam haben, die Konvention von Theater infrage zu stellen. Das waren im Studium beispielsweise die Performances von Forced Entertainment, die immer wieder die Übereinkunft brachen, dass auf der Bühne etwas vorgespielt wird. Oder eben Künstler wie Reverend Billy, die Theater gleichzeitig als Kunst und als Form der politischen Intervention nutzen.

«Ich finde es interessanter, mehr aus dem Werk eines einzelnen Künstlers zu sehen als möglichst viele verschiedene Künstler!»

Bei aller Liebe, will man wirklich so viel Forced Entertainment sehen, wie Sie jetzt programmiert haben?
Auf jeden Fall! Ich finde es immer interessanter, mehr aus dem Werk eines einzelnen Künstlers zu sehen als möglichst viele verschiedene Künstler! Wir werden auch künftig jeweils Künstler oder Gruppen nicht mit bloss einem Stück, sondern eher mit dem Werk zeigen. Es geht mir darum, Arbeitsweisen und Entwicklungen sichtbar zu machen und Intensität herzustellen, was viel schwieriger ist, wenn man immer nur «das neue Ding» einlädt. Und Forced Entertainment ist für mich konkret nach wie vor eine der besten und innovativsten Gruppen. Das schleckt kei Geiss weg, wie man in Hamburg sagt. Im Ernst: Ihr Shakespeare-Projekt wird immer interessanter, je mehr man davon sieht.

Das Spektakel-Programm 2018 erinnert sehr an Ihren Spektakel-Vorgänger Sandro Lunin; wo steckt da Matthias von Hartz?
Wir haben uns im Leitungsteam bewusst für eine Entwicklung in Schritten entschieden. Ich sehe da sehr viel von Hartz, aber ich kenne mich ja auch besser. Mir ist etwa die Herstellung des gesellschaftlichen Diskurses in Kulturinstitutionen sehr wichtig: Das machen wir 2018 zum Beispiel mit hochkarätigen Vorträgen und unserem Stammtisch. Ästhetisch interessieren mich vor allem Produktionen an der Grenze zu bildender Kunst, wie die Arbeit von Walid Raad, und zum Pop. Davon gibts einige. Und mit Stars wie Boris Charmatz oder dem Nature Theater of Oklahoma kommen Künstler, mit denen ich seit langem arbeite.

Hatten Sie mit den anderen designierten Theaterleitern in Zürich – am Schauspielhaus und am Theater Neumarkt – bereits Kontakt?
Hayat Erdogan, die zum künftigen Leitungstrio des Neumarkt gehört, war eine der Ersten, die ich hier traf, wegen ihrer Arbeit an der hiesigen Hochschule der Künste. Und mit Nicolas Stemann, dem kommenden Schauspielhaus-Co-Chef, habe ich studiert. Man könnte von einer Art Klassentreffen sprechen, und ich glaube, dass wir uns gut ergänzen werden in dem, was wir nach Zürich bringen.

Hat Ihnen Ihr junges Wirken als Spektakel-Leiter auch schon komische Überraschungen beschert?
Ich muss zugeben, dass ich mit dem Namen «Theater Spektakel» etwas fremdle, wenn ich im Ausland bin. Sagen Sie das mal auf Englisch! Entsprechend erzählte ich also vor einer Weile dem grossen südafrikanischen bildenden Künstler William Kentridge, dass ich als künstlerischer Leiter des internationalen Festivals in Zürich anfange. Worauf der in herrlichstem sehr britisch klingendem Englisch fragt: «Oh, do you mean ‹theatre spectacle›? Great! My first international invitation ever came from there!» Was will man mehr!

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt