Frauenseilschaft am Matterhorn

Die Freilichtspiele Zermatt zeigen «No Ladies Please» über die erste Frau auf dem Matterhorn. Das Stück von Livia Anne Richard trifft einen Nerv – und Corinne Thalmann spielt vielleicht die Rolle ihres Lebens.

Lucy Walker (Corinne Thalmann) kümmert sich um Teenager Lina (Tina Müller) und verhilft ihr zur Flucht aus der Zermatter Enge. Foto: PD / Hannes Zaugg Graf

Lucy Walker (Corinne Thalmann) kümmert sich um Teenager Lina (Tina Müller) und verhilft ihr zur Flucht aus der Zermatter Enge. Foto: PD / Hannes Zaugg Graf

Michael Feller@mikefelloni

Widerstände da, Zwänge dort, und eine schwebt über allem. Die Britin Lucy Walker (Corinne Thalmann) reist 1864 nach Zermatt, um als erste Frau das Matterhorn zu besteigen. Und sie zeigt es allen.

Den Einheimischen, die überzeugt sind, dass dieses Vorhaben jenseits der Fähigkeit eines weiblichen Körpers liege. Und sie zeigt es ihrer Mutter, die es «absolutely disgusting for a woman of your class» findet, also unstandesgemäss, dass ihre Tochter das Wagnis eingeht. Sie schafft es, einen Tag bevor ihre Rivalin Meta Brevoort (Nadine Summermatter) in Zermatt eintrifft.

Corinne Thalmannin der perfekten Rolle

Die Berner Autorin und Regisseurin Livia Anne Richard hat die Anekdote aus der Geschichte des frühen Alpinismus zum Theaterstück «No Ladies Please» verarbeitet. Am Donnerstag wurde es auf dem Riffelberg oberhalb von Zermatt uraufgeführt.

Und auch wenn am Schluss die Kitschampel mindestens auf Orange steht: Es ist eine ergreifende Produktion. Das dritte Stück der Freilichtspiele Zermatt, die im Zweijahresrhythmus stattfinden, ist das beste bis jetzt. Weil es Themen aufgreift, die aktuell sind, auch wenn die Schauspielerinnen und Schauspieler in Kleidern aus dem 19. Jahrhundert stecken (Kostüme: Katrin Schilt).

Lucy wäre einfach zu perfekt, wenn sie nicht, und hier kommt die zweite Nebengeschichte, so schrecklich unglücklich verliebt wäre.

Hier trotzen Frauen ihren angedachten Rollen. Dazu gibt es Trauer, Wut, Liebe und gute Musik (Eliana Burki am Alphorn). Das Setting mit toller Bühne (Fredi Stettler) und dem Blick auf das Matterhorn mit dem Wolkenschleier ums Haupt stimmt sowieso. Und da ist Corinne Thalmann, die ihre Hauptrolle als Lucy Walker schlicht perfekt spielt.

Würde Thalmann beschliessen, selbst aufs Matterhorn zu steigen, niemanden würde es verwundern. So stark spielt sie ihre Figur, die nur ein Ziel vor Augen hat und sich in ihrer Entschlossenheit niemals von ihrem Weg abbringen lässt. Man nimmt Thalmann nicht nur den eisernen Willen ab, sondern auch die aristokratische Herkunft ihrer Figur – und deren grossherzigen Einsatz für eine junge Zermatterin namens Lina.

Eine Extraportion Fiktion und etwas Kitsch

Weil es in der Pionierinnengeschichte zwar in die Höhe geht, aber nicht allzu sehr in die Tiefe, hat Livia Anne Richard eine fiktive Rahmenhandlung dazugestellt. Und diese reicht über das emanzipatorische Moment hinaus. Sie beschreibt eine Frauenseilschaft, die nicht am Berg stattfindet. Teenager Lina (Tina Müller) arbeitet im Hotel ihrer Eltern in der Küche, tut dies aber ziemlich ungeschickt.

Es zeigt sich, dass sie am falschen Ort ist, sie möchte Sprachen lernen, doch zur gymnasialen Ausbildung in Brig sind zu dieser Zeit nur die Buben zugelassen. Nachdem sie – ohne zu fragen – einen Dictionnaire aus Lucy Walkers Zimmer genommen hat, um heimlich Englisch zu lernen, kriegt sie von ihrem strengen Vater (Helmut Williner) einen Rüffel.

Doch die Bestohlene nimmt sich ihrer an und rettet sie aus den Zwängen des engen Tals. Die Seitengeschichte gipfelt in einer unwahrscheinlichen wie kitschigen Flucht. Immerhin führt der Erzählstrang zu einem unerwarteten Schluss, der auf der Bühne wie auch im Publikum für echte Tränen sorgt.

Lucy wäre einfach zu perfekt, wenn sie nicht, und hier kommt die zweite Nebengeschichte, so schrecklich unglücklich verliebt wäre. Sie liebt ihren Bergführer Melchior (Roman Weber), der ihr jeden Wunsch von den Lippen abliest, an sie glaubt und sie gegen alle Widerstände verteidigt. Auch Melchior liebt Lucie, doch dummerweise ist er bereits verheiratet und gerade zum siebten Mal Vater geworden. Auch hier gibt es kein Happy End.

Eine weitere Doppelung und ein grosses Naturschauspiel

Ein weiterer Faden führt zum vermeintlichen Alphornspieler, der sich als Frau entpuppt. Auf einen Schlag wird Musikerin Eliana Burki also zur Darstellerin – und bricht ein weiteres Gender-Tabu von einst. Es ist noch nicht so lange her, dass eine Alphorn spielende Frau undenkbar schien. Weil die Figur nicht eingeführt wurde, irritiert dieser Strang aber mehr, als dass erzur Geschichte beiträgt – die erneute Dopplung des Themas «Frau in Männerdomäne» wäre gar nicht nötig gewesen.

Egal, am Schluss ist das alles eine runde Sache – mit Ecken und Kanten und Abgründen. Mit dem emotional stotzigen Schluss vergibt Livia Anne Richard etwas den ganz frenetischen Applaus, dennoch steigert sich das zunächst bange Klatschen dann noch zu stehenden Ovationen.

Hinten steht das Matterhorn stoisch und wirft den Applaus zurück, zwei liebestolle Murmeltiere am Hang neben der Bühne unterbrechen ihr Spiel und schauen zur Bühne. Auf der höchstgelegenen Freilichtbühne Europas ist Theater auch immer ein wenig Naturschauspiel.

«No Ladies Please»: Bis 1.9. Infos: freilichtspiele-zermatt.ch.

Berner Zeitung

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