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Fulminantes Plädoyer für religiöse Toleranz

Mit «Nathan der Weise» von Gotthold Ephraim Lessing gastierte eine Produktion aus München bei der Kunstgesellschaft im KKT Thun. Das intensiv inszenierte Werk aus dem 18. Jahrhundert hat nichts an Aktualität verloren.

Überzeugender Nathan bei der Kunstgesellschaft Thun: Der bekannte TV-Schauspieler Peter Kremer.
Überzeugender Nathan bei der Kunstgesellschaft Thun: Der bekannte TV-Schauspieler Peter Kremer.
zvg

«Der Jude wird verbrannt», entscheidet der Patriarch zu Jeru­salem. Hat Nathan sich doch erdreistet, ein verwaistes Christenmädchen aufzuziehen! Welche Religion ist die einzig wahre? Diese Fragen stellt Gotthold Ephraim Lessing, Sohn eines Protestanten, verpflichtet dem Humanismus und der Toleranz der Aufklärung. Mit dem Stück setzte er seinem Freund Moses Mendelssohn, dem Begründer der jüdischen Aufklärung, ein Denkmal.

Drei Söhne, ein Ring

Der Jude Nathan kehrt heim nach Jerusalem, wo Tochter Recha einem Brand entkommen konnte. Ein Tempelherr rettete sie aus den Flammen. Selber verdankt er sein Leben Sultan Saladin. Als der Herrscher Nathan zu sich ruft, fragt er ihn: «Welche Religion ist die richtige: Das Christentum, der Islam oder das Judentum?»

Nathan antwortet mit der berühmten Ringparabel: Ein Mann besitzt einen Ring, über Generationen vererbt und Beliebtheit verleihend. Er lässt zwei Duplikate anfertigen, damit alle drei Söhne zufrieden sind – der echte Ring kann nicht mehr erkannt werden. Die Brüder geraten in Streit, doch ein Richter entscheidet, dass sie ihr Leben so ausrichten sollten, als besitze jeder den wahren Ring. Ins Drama eingeflochten ist zudem, dass Recha keine Jüdin ist, sondern Tochter von Assad, dem toten Bruder Saladins und zudem Schwester des Tempelherrn.

Herrlich zickig

Bei Lessing sind Christentum, Judentum und Islam dicht verwoben: Es geht um Glauben, Generationen und das Grauen des Krieges. Die Inszenierung von Stefan Zimmermann versetzt das Stück von 1779 mit vermummter Sultanswache samt Maschinenpistole in die Moderne, während der Tempelherr in Armeeuniform gekleidet aus Deutschland stammt.

Peter Kremer spielt den Nathan leise lächelnd mit maximaler Ausstrahlung. In der erhabenen Rolle des Saladin überzeugt Stefan Rehberg, der am Schmerz zu zerschellen droht. Alexander Mattheis gibt den jungen Tempelherrn mit naivem Charme. Nicole Spiekermann gelingt mit Sittha eine Mischung aus de­mütiger Muslimin und macht­gewohnter Sultansschwester.

Herrlich zickig und berechnend kommt Angelika Auer in der Rolle der Daja rüber. Georg ­Luibl in einer Doppelrolle als Patriarch und Derwisch gelingt der Spagat zwischen devotem Diener und fiesem, rot behandschuhtem Flammenwerfer. Laura Antonella Rauch überzeugt als verletzliche 18-jährige Recha auf der Suche nach ihren Wurzeln.

Unangenehm schmierig und schattenhaft wirkt die Rolle des Klosterbruders, die Michael Althauser brillant verkörpert. Dabei meistern alle Schauspieler den anspruchsvollen Text ­gekonnt. Die Hintergrundgeräusche von Vogelgezwitscher über Gebetsrufe des Imam bis hin zur orientalischen Musik machten es zuweilen nicht einfach, den Dialogen zu folgen.

Doch der Bühnensound gefiel besonders den vielen Jugendlichen unter den rund 600 Zuschauer, zu deren gymnasialer Pflichtlektüre das epochale Aufklärungsstück von Lessing wohl noch immer gehört. Und der als «Siska», aus «Derrick» oder «Der Alte» bekannte Schauspieler Peter Kremer bewies, dass Schauspielkunst auf die Bühne gehört.

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