Gullivers Reise in die Gegenwart

Das Projekt «Theater kennt keine Grenzen» zeigt ab heute in der Grossen Halle die Geschichte von Gullivers Reise nach Liliput. Das ist witzig und erstaunlich aktuell.

Gulliver liegt gefesselt am Boden, während die Liliputaner überlegen, was sie mit dem Fremden anfangen sollen.

Gulliver liegt gefesselt am Boden, während die Liliputaner überlegen, was sie mit dem Fremden anfangen sollen.

(Bild: Nicole Philipp)

Mirjam Comtesse

Die Nähmaschine vor der Bühne rattert. Myriam Casanova macht die letzten Anpassungen bei den Kostümen. Gleich beginnt die Hauptprobe für «Gullivers Reise nach Liliput». Ausnahmsweise zeigen die 15- bis 25-Jährigen der Jugendtheatergruppe «Theater kennt keine Grenzen» ihr Stück nicht im Brückenpfeiler am Dalmaziquai, sondern in der Grossen Halle der Stadtberner Reitschule.

Der Grund dafür liegt in der riesigen Puppe, die am Bühnenrand zu sehen ist. Rund fünf Meter misst sie. «Hier in der Grossen Halle gibt es genügend Platz», erklärt Co-Regisseur Christoph Hebing. Die Puppe, die Gulliver verkörpert, lässt sich wie eine Marionette bewegen. Das sieht überraschend geschmeidig aus (Bühne: Myriam Casanova, Maurin Gerber und Dario Gugler).

Wie Flüchtlinge auf Booten

Schon geht es los. Im Chor erzählt die Theatergruppe, wie Gulliver nach Liliput kommt: Im Jahr 1699 reist er mit dem Schiff nach Ostindien. In einem Sturm kentert das Schiff – und Gulliver findet sich auf einem Sandstrand wieder. In der Inszenierung (Leitung: Christoph Hebing und Marcel Leemann) werden bereits hier die ersten Assoziationen geweckt: überfüllte Schiffe, Menschen, die über Bord fallen und in den Fluten versinken, ein Strand. Man kann kaum anders, als an Flüchtlingsboote zu denken – und an die Bilder der Geretteten, die erschöpft die Mittelmeerküste erreichen.

«Man kann kaum anders, als an Flüchtlingsboote zu denken.»

Das liegt auch daran, dass einige der Schauspielerinnen und Schauspieler selber in die Schweiz geflüchtet sind. Bei «Theater kennt keine Grenzen» kommen Jugendliche im Asylverfahren und Berner Jugendliche mit unterschiedlichen Hintergründen zusammen und erarbeiten ein Stück. Es handelt sich um ein Kooperationsprojekt von Junge Bühne Bern, Marcel Leemann Physical Dance Theater, Das Ventil, Grosse Halle und Katholische Kirche Region Bern. Die Darsteller reichern jeweils einen klassischen Stoff mit persönlichen Erfahrungen an.

Absurde Auflagen

Bei «Gullivers Reise nach Liliput» zeigt sich das etwa in der Reaktion der Liliputaner auf den Riesen, den sie vor sich sehen. Aus Angst vor dem Fremden fesseln sie ihn. «Er braucht so viel Platz», ruft eine. «Er könnte uns noch nützlich sein», meint ein anderer.

Schliesslich lassen sie Gulliver frei. Aber zuerst muss dieser zusichern, sich an eine Reihe absurd anmutender Regeln zu halten. «Duschen ist nur während der Regenzeit erlaubt», zum Beispiel. Ähnlich seltsam dürften für viele Flüchtlinge einige der Regeln klingen, an die sie sich nach ihrer Ankunft in der Schweiz gewöhnen müssen.

Scheidungsanwalt tritt auf

«‹Gullivers Reisen› ist hochpolitisch», sagt Co-Regisseur Christoph Hebing. Tatsächlich hat der Ire Jonathan Swift sein Buch, das 1726 erschienen ist, geschrieben, um die Gesellschaft zu kritisieren. Er wollte zeigen, wie lächerlich und wankelmütig sich Menschen oft verhalten – vor allem auch Regierende. Zum allseits beliebten Kinder- und Jugendbuch wurde «Gullivers Reisen» erst, nachdem die satirischsten und derbsten Szenen herausgestrichen waren.

Jonathan Swift erzählt unter anderem, an welchen Banalitäten sich Kriege entzünden können: etwa an der Frage, wie man ein Ei richtig öffnet – an der runden oder an der spitzen Seite. «Theater kennt keine Grenzen» kostet diese Episode fast schon slapstickartig aus. Und entwickelt sie weiter. Plötzlich mischt sich ein Scheidungsanwalt ein, der entscheiden soll, wie das gespaltene Volk aufgeteilt wird. Am Ende bleibt ein Kind übrig. Es darf selber bestimmen, ob es bei Vater oder Mutter bleiben will. Es wählt – den Scheidungsanwalt.

An der Hauptprobe gab es am Dienstagabend zwar noch ein paar Holperer. Doch mit ihren witzigen Einfällen und aktuellen Verweisen machen die Schauspieler «Gullivers Reise nach Liliput» zum vergnüglichen und eindrücklichen Erlebnis. Premiere ist heute Abend.

«Gullivers Reise nach Liliput»: 27. 6., 20 Uhr, Grosse Halle, ­Reitschule, Bern; weitere Vorführungen bis 2. 7. www.junge-buehne-bern.ch

Berner Zeitung

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