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Heidi im Haus

Das Berner Theater an der Effingerstrasse zeigt ein Stück über eine alte Dame (Heidi Maria Glössner), die ihre Wohnung verkauft, aber bis zu ihrem Tod darin leben will.

Helen Lagger
Griff zur Bohrmaschine: Lola (Heidi Maria Glössner, rechts) und Sara (Sinikka Schubert) im Theaterstück «100 m2».
Griff zur Bohrmaschine: Lola (Heidi Maria Glössner, rechts) und Sara (Sinikka Schubert) im Theaterstück «100 m2».
Severin Nowacki

Der spanische Autor Juan Carlos Rubio liess sich von einem Inserat inspirieren. Er hatte einen Besichtigungstermin für eine Wohnung. Die Besitzerin würde bis zu ihrem Tod darin wohnen bleiben, erklärte man ihm.

«Ich dachte darüber nach, wie ich mich gefühlt hätte, wenn ich die Wohnung gekauft und auf den Tod dieser Dame gewartet hätte», sagt Rubio. Aus diesem Gedanken ist das Stück «100 m2», das 2009 in den USA uraufgeführt wurde, entstanden. Das Berner Theater an der Effingerstrasse präsentiert die Tragikomödie in einer Schweizer Erstaufführung und in prominenter Besetzung.

Überdrehte Szenen

Die charismatische Heidi Maria Glössner («Die Herbstzeitlosen») spielt die exzentrische Lola, die gerne raucht und trinkt und laut ihren Ärzten nicht mehr allzu lange zu leben hat. Die mitten im Leben stehende Versicherungsangestellte Sara (Sinikka Schubert) kauft die Wohnung und freundet sich mit der anfangs als lästig empfundenen Frau an. So weit, so gut. Schade nur, dass Rubio in seinem Stück allzu offensichtlich seinen Landsmann, den Filmer Pedro Almodóvar, kopiert.

«Um die Welt zu verstehen, muss man seinen Kopf ins Wolfsmaul stecken.»

Lola im Stück «100 m2»

Starke Frauen – vorzugsweise in Rot gekleidet, überdrehte Szenen, die Erwähnung des Mediums Fernsehen und ein Schuss Melodramatik – das Ganze wirkt wie ein Zusammenschnitt aus Almodóvars Filmen. Auch das Spiel mit Zitaten, das Spaniens Enfant terrible so liebt, wird hier zelebriert. «Letztendlich ist man, was man zu sein scheint», sagt Lola. «Leben ist das, was geschieht, während du dich mit deinen Plänen beschäftigst», doziert Sara, die im Laufe des Stückes von ihrer Kon­trollsucht geheilt wird.

Zwei Generationen

Regisseur Alexander Kratzer inszeniert den Schlagabtausch zwischen den sich anfangs skeptisch gegenüberstehenden Frauen mit Tempo und Witz. Die Bühne (Peter Aeschbacher) besteht aus einer Holzverschalung mit mehreren Türen, hinter denen die Welt lauert.

Lola geht längst nicht mehr aus. Sie mag Teleshopping und trauert ihrer grossen, verlorenen Liebe nach. Die namenlose Figur des Maklers wird von Helge Herwerth reichlich überzeichnet ­dargestellt, was für komische Momente sorgt. Etwa, als Lola ihm einen Joint anbietet, der ihm augenblicklich einfährt. Die brave Sara ist entsetzt, als sie erfährt, dass die alte Dame in «ihrer» Wohnung Cannabis anpflanzt. Lola steht offensichtlich für eine Generation, die lebenslustiger und risikofreudiger als die nachkommende ist. Sie ist überzeugt: «Um die Welt zu verstehen, muss man seinen Kopf ins Wolfsmaul stecken.» Heidi Maria Glössner spielt ihre Figur mit viel Empathie und greift am Ende gar zur Bohrmaschine. Burning down the house? So ähnlich. Jedenfalls wagen am Ende alle Figuren einen Neuanfang.Vorstellungen:bis 20. April,Theater an der Effingerstrasse, Bern. www.dastheater-effingerstr.ch

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