Im Halbdunkel gehts hoch her, doch der Sex ist nur Kulisse

Zwei Huren, zwei Freier und jede Menge kalter Sex: Die Schiffbaubox zeigt die Uraufführung von Kornél Mundruczós «Hotel Lucky Hole». Ein Stück, so traurig wie ein Quickie.

Lisa-Katrina Mayer als ukrainische Hure Elena in «Hotel Lucky Hole». Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Lisa-Katrina Mayer als ukrainische Hure Elena in «Hotel Lucky Hole». Foto: Tanja Dorendorf (T+T Fotografie)

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Die Schlussszene ist kürzer, noch kürzer als ein Quickie. Und noch trauriger. Da versteinert, was sich für einen Wimpernschlag wie die wahre Liebe angefühlt hatte, vollends zum Postkartenbild eines Postkartengefühls: Abends, wenn Elena (Lisa-Katrina Mayer) die Augen schliesst, «erscheint ihr Anna, wie sie mit einem Rucksack auf dem Rücken vor den Niagarafällen steht. Bis zu den Knien im Wasser. Anna blickt Elena in die Augen.» Tremolo erwünscht.

So sieht der letzte Suizid in der Selbstmord-Trilogie des gefeierten ungarischen Filme- und Theatermachers Kornél Mundruczó aus, die jetzt mit der Uraufführung von «Hotel Lucky Hole» in der Schiffbau-Box abgeschlossen wurde. Er ist nichts als eine melodra­matisch aufgerüschte, abends rituell abgerufene Imagination einer ukrainischen Hure, die ihren Zürcher Sugardaddy geheiratet und die Liebe zu ihrer ehemaligen ungarischen Zuhälterin, eben Anna, verraten hat.

Die wiederum hatte sich die Niagarafälle einst als digitale Seelentapete in ihr Schlafzimmer geholt: Auf einem breiten Bildschirm brausten die Wasserfälle als ewige Fluchtfantasie durch den schäbigen Container (für Bühnenbild und Kos­tüme zeichnet Mundruczós Stamm-­Ausstatter Márton Ágh verantwortlich). Also alles nur gebaut. Selbst der Sex. Oder besser: gerade der Sex.

Liebe als Gleitmittel

Der Anfang von «Hotel Lucky Hole» ist darum länger, viel länger als ein Quickie. Und viel trauriger. Im Halbdunkel geht es zwar hoch her: Annamária Lángs Anna stöhnt und tut und macht; müht sich ab auf ihrem spendablen Freier Fritz (Fritz Fenne, bravourös zwischen Grausamkeit und Hilflosigkeit). Der aber kommt nicht in die Gänge, und seine hervorgestossenen Kommandos, die den Koitus takten, entblössen vor allem eines: Richtig Lust macht die gekaufte Leidenschaft nicht – nicht dem machtgeilen Mann und sowieso nicht der abhängigen Frau. Und das bisschen Liebe, das in den letzten fünf Jahren als Gleitmittel zwischen Fritz und Anna funktionierte, ist definitiv aufgebraucht. Es kann die Kündigung, die der Banker just erhalten hat, nicht fortsalben; deshalb schickt er die Frau in die Gosse zurück («Du bist ein Nichts!»).

Dass die zweistündige Soiree trotzdem etwas Salbungsvolles hat, liegt an dem komplexen Konstrukt, das die Autoren – Mundruczó und Kata Wéber – für Zürich entwickelt haben. Hier die zwei fremden, sich prostituierenden Frauen, da die zwei Zürcher Geldsäcke, und dazwischen ein rassistischer Anschlag (auf Elena), eine aufkeimende lesbische Liebe, eine kühle Ehekrise à la zurichoise, ein komplizierter Selbstmord von Sugardaddy Nummer 1, für den Anna dann ins Gefängnis wandert, dazu furztrockene Rechercheergebnisse und feuchtwarme Musik von Puccini und Johann Strauss bis zu «Killing Moon» von Echo & The Bunnymen.

Im Kern stehen Anna und ihr Bett, und Láng ist fantastisch in ihrer Doppelrolle als Täterin und Opfer, als Rädchen im System, in dem alle mitrotieren (János Szemenyei als Annas Bruder und bös-blöder Macker überzeugt hingegen weniger). Das Schlafzimmer ist denn auch das Herzstück – die Mitte – des Flügelaltars, der unsere saturierte Existenz ironisch abbildet: rechts Bad und Lounge, links (Fick-)Salon und Küche; alles da, was nottut, inklusive Papstwitz mit doppeltem Boden.

Im Grunde hat sich Mundruczó mit «Hotel Lucky Hole» ja viel näher herangespielt an unsere bieder-behüteten Leben hier in der Glücksverlochete namens Schweiz als etwa mit Coetzees «Schande» (die Romanumsetzung war am Zürcher Theater Spektakel zu sehen) oder mit dem Blick in die krasse Containerwelt von «Hard to Be a God», die im Schiffbau gastierte. Dennoch wirkt alles weiter weg.

Gesellschaftskritischer Zirkus

«Hard to Be a God» machte sprachlos. Der hyperventilierende und zugleich hochironische Hyperrealismus mit dem vielen Blut und Sex, mit Abtreibung und Vergewaltigung ballte sich zum Zumutungstheater, zum Irritationstheater. In «Hotel» gibt es zwar gleichfalls nacktes Fleisch, Geschlechtsteile, Blut und Sex en masse, auf der Leinwand wie auf der Bühne, selbst die Abtreibungsszene wird wiederholt – aber es ballt sich nicht, knallt uns keine Faust in die Magengrube. Sondern es zerfällt eher, fasert aus in die auseinanderstrebenden Storys, die unterschiedlichen Thea­tersprachen, den Film (Kamera der Videoinstallation: Marcell Rév), das ins­zenierte Hörspiel, das Musical-In­termezzo.

Vielleicht sollen, müssen wir dies als den eigentlichen Horror begreifen: dass uns Penisse in Grossaufnahme, die in Münder hineinstossen, ebenso ungerührt lassen wie die harten Fakten über das härteste Business der Welt. Kornél Mundruczós klirrende Genre-Jonglage, sein gekonntes Disziplinen-Jumping rund um die Liebe, die keine sein darf, sein Abgesang auf alles Authentische ist wie ein Besuch im gesellschaftskritischen Zirkus; und bei aller Hochachtung vor dem Projekt und seiner professionellen, allzu professionellen Durchführung – ein wenig öde.

Teil II von Kornél Mundruczós Selbstmord-Trilogie, «Dementia», ist im Rahmen der häuserübergreifenden Internationalen Gastspielreihe «Nervous Systems» (19. 11. – 10. 12.) vom 5. bis 7. Dezember in der Gessnerallee zu sehen.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt