Leiden mit Lydia

Gut ein Jahr nachdem Erfolgsautor Lukas Hartmann «Ein Bild von Lydia» veröffentlicht hat, zeigt das Theater an der Effingerstrasse die Adaption des Romans.

Luise erzählt ihrem Freund Henri die tragische Geschichte von ihrer Herrin Lydia Welti-Escher und dem Maler Karl Stauffer.

Luise erzählt ihrem Freund Henri die tragische Geschichte von ihrer Herrin Lydia Welti-Escher und dem Maler Karl Stauffer.

(Bild: Severin Nowacki)

Marina Bolzli@Zimlisberg

Farbmässig stimmt alles. Ton in Ton. Eine Welt von weiss über dunkelbraun bis schwarz, meistens aber beige: Die Vorhänge, die Möbel, die Kleider. Nur Luise bringt etwas Farbe hinein. Ihr tannengrüner Rock wirkt schon fast auffällig fröhlich. Doch die Welt auf der Bühne ist alles andere als beschwingt: Es ist die Geschichte einer Liebe, die nicht sein soll, die Geschichte einer privilegierten Gesellschaftsschicht, die vor lauter Zwängen nicht mehr frei atmen kann. Das Theater an der Effingerstrasse zeigt Lukas Hartmanns «Ein Bild von Lydia» als rundum gelungene Uraufführung.

«Ein Bild von Lydia» erzählt die Geschichte von Lydia Welti-Escher (1858–1881), der einzigen Tochter des Gotthardbahn-Erbauers Alfred Escher. Kurz nach dessen Tod heiratet sie den Bundesratssohn Friedrich Emil Welti, aus Vernunft, nicht aus Leidenschaft. Als Weltis Freund, Karl Stauffer, ein Bild von Lydia malen soll, kommen sich der Maler und Lydia näher, ohne sich selbst oder einander diese Liebe einzugestehen. Erst viel später in Italien kämpfen sie nicht mehr gegen ihre Gefühle, wollen zusammen ein neues Leben anfangen. Doch der gehörnte Ehemann ist einflussreich, Karl Stauffer landet als Entführer im Gefängnis, Lydia in der Irrenanstalt. Später bringen sich beide um.

Luise gibt Leichtigkeit

Ein an Tragik fast nicht zu überbietendes Drama. Lukas Hartmann hat in seinem Roman aber mit dem Dienstmädchen Luise – das es wirklich gab – eine Erzählerin gewählt, die der Geschichte immer wieder Leichtigkeit gibt. Auch die Bühnenfassung von Theaterleiter Markus Keller, der auch Regie geführt hat, setzt auf Luise (Larissa Keat) als Kontrast zu Lydia. Auf der Bühne erzählt sie die Geschichte ihrem neuen Freund Henri (Fabian Guggisberg), den sie an Lydias letztem Wohnort in der Nähe von Genf kennen gelernt hat. Mit kurzen Zwischenfragen kann Henri so die Erzählung weitertreiben, man taucht mit Luise in die Welt der Weltis ein, spürt das grösser werdende Unglück von Lydia (Nicola Trub), die Überkorrektheit von Emil Welti (Oliver Daume), sieht in die fast irren Augen des unkonventionellen Malers Karl Stauffer (Simon Käser) und erkennt in der Mimik von Luise bald ihre nie gefragte Meinung. Nur ein Stichwort kann schon zu einem Zeitsprung führen. Nur ein beiger Vorhang muss verschoben werden, und man befindet sich an einem völlig neuen Ort. Es geht Schlag auf Schlag.

Fokus aufs Wesentliche

Dabei läuft man als Zuschauerin nie Gefahr, mit den Gedanken abzudriften. Die Theaterfassung ist zwar massiv kürzer als der Roman – was auch gut ist, denn auch so dauert sie fast zwei Stunden –, es wurde aber an den richtigen Stellen gekürzt. Nebenstränge wurden konsequent weggelassen, wenige Szenen lassen auch Theaterbesucher, die zum ersten Mal von dieser tragischen Liebe hören, das Wesentliche verstehen. Und das ist bei einer so komplexen Geschichte schon mal eine beachtliche Leistung.

Was «Ein Bild von Lydia» aber auch auszeichnet, ist die umsichtige Figurenzeichnung und ein gutes Händchen bei der Auswahl der Schauspieler. Nach diesem Stück kann man sich nicht mehr vorstellen, dass jemand anderes auch nur eine der Rollen hätte übernehmen können. So perfekt verkörpern die Schauspieler ihre Figuren. So gut harmonieren die Spielenden untereinander. Man leidet mit Lydia, findet Karl Stauffer ganz unmöglich und doch faszinierend, ärgert sich über den stocksteifen Emil Welti und freut sich mit Luise über ihr junges Glück mit Henri.

Ob auch Lukas Hartmann mit der Adaption seines Erfolgsromans zufrieden ist? Er liess sich bei der Premiere auf jeden Fall gerne für einen sehr lange anhaltenden Schlussapplaus auf die Bühne holen.


«Ein Bild von Lydia»: Weitere Vorstellungen bis Fr, 19. April, Theater an der Effingerstrasse, Bern.

Berner Zeitung

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