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Freilichttheater-Sommer: Vogellisi, Matterhorn, Moby Dick

Was bietet der Freilichttheater-Sommer? Eine starke Frau, einen dicken Fisch – und einen Ausflug nach Zermatt, zu «Romeo und Julia am Gornergrat».

Michael Feller
Liebesdrama vor imposanter Bergkulisse: Livia Anne Richard und ihre Crew führen «Romeo und Julia am Gornergrat» auf dem Riffelberg bei Zermatt auf.
Liebesdrama vor imposanter Bergkulisse: Livia Anne Richard und ihre Crew führen «Romeo und Julia am Gornergrat» auf dem Riffelberg bei Zermatt auf.
Hannes Zaugg-Graf

Sie heissen Maria und Jakob, haben sich lieb und leiden unter der Feindschaft ihrer einst befreundeten Väter. Mit Shakespeare hat Livia Anne Richards «Romeo und Julia am Gornergrat» aber nicht viel zu tun.

Der Titel klingt zwar danach, doch die Berner Regisseurin und Autorin fürchtet sich wenige Wochen vor der Premiere ein wenig davor, dass die Gäste auf die Balkonszene warten.

Sie würden vergebens warten, denn Richards Geschichte ist näher an jener von Gottfried Keller. In dessen Seldwyler Erzählung «Romeo und Julia auf dem Dorfe» lieben sich eine junge Frau und ein junger Mann trotz des ­erbitterten Streits ihrer Väter.

Sie wählen zuletzt den Freitod, weil sie keinen anderen Ausweg sehen. Keller war beileibe nicht der Einzige, der die so tragische wie romantische Liebe gegen alle ­Widerstände verfeindeter Sippen übernahm. Auch das berühmte Musical «West Side Story» geht vom selben Grundproblem aus.

In der Weite der Bergwelt

Zunächst wollte Richard «Romeo und Julia auf dem Dorfe» von Gottfried Keller eins zu eins dramatisieren. «Doch dann merkte ich, dass sich eine Adaption für eine Inszenierung in den Bergen geradezu aufdrängt», sagt sie.

Keller hatte Shakespeares Motiv ins engstirnige Dorf versetzt – bei der Vorbereitung des Bühnenstücks für den Riffelberg oberhalb Zermatts ging das für Livia Anne Richard nicht mehr auf. «Mir kam die Weite der Bergwelt in die Quere», sagt sie.

Der Theodulpass, der das Wallis mit dem Aostatal verbindet, war trotz seiner Höhe von 3301 Metern eine Handelsroute, schon zur Zeit der Römer. Migration ist ein Zermatter Thema, auch wenn das Touristendorf an der Grenze zu Italien hinten im Mattertal eingeschlossen wirkt.

Während bei Gottfried Keller Tod und Verderben drohen, bleibt in Richards Adaption ein offenes Ende: Maria und Jakob werden zu Flüchtlingen, ihr Schicksal in der Ferne ist unbestimmt.

Zum zweiten Mal Zermatt

«Romeo und Julia am Gornergrat» ist das zweite Freilichttheater, das Livia Anne Richard und ihre Crew auf der vielleicht schönsten (und potenziell raues­ten) Freilichtbühne des Landes aufführen.

Vor zwei Jahren wurde auf dem Riffelberg «The Matterhorn Story» aufgeführt, die Geschichte der Erstbesteigung des Matterhorns vor hundertfünfzig Jahren. Die Kulisse mit dem Matterhorn als überragendem Hintergrund ist atemberaubend.

Und ein wenig zweischneidig: Das Geschehen im Vordergrund muss schon ziemlich gut sein, damit das Publikum nicht dauernd nur den stolzesten aller Berge anhimmelt und darob das Geschehen auf der Naturbühne aus dem Blick lässt. Vor zwei Jahren ist das Unterfangen geglückt.

Livia Anne Richard zieht es also zurück an den Berg der Berge – trotz des grossen Witterungsrisikos auf über 2500 Metern. Auch nach Monaten der Vorbereitung und nach Wochen der Proben ist sie jedes Mal angetan vom «Hore», wie die Zermatter sagen – und gerät ins Philosophieren.

«Das Matterhorn steht für sich allein, ohne sich auf andere abzustützen. Wir wollen doch alle die Sicherheit haben, das Leben selbst meistern zu können.» Wie das Matterhorn eben. Allen Widerständen zum Trotz.

«Romeo und Julia am Gornergrat»: 6. Juli – 28. August, Ryffelberg, Zermatt. www.freilichtspiele-zermatt.ch

Freilichtspiele 2017

Interlaken: Alle Jahre Apfelschuss

«Tell – ein Stück Schweiz»: Wer in der Schweiz lebt, kommt nicht um Wilhelm Tell herum. Die Geschichte um den Schweizer Freiheitskämpfer und Nationalhelden ist im Freilichtschauspiel «Tell – ein Stück Schweiz» in Interlaken zu sehen. Die über hundertjährige Tradition der Tellspiele wird am Rugen bei Matten fortgesetzt. Das Stück zeigt mit rund 130 Laiendarstellern aus dem Berner Oberland den Befreiungskampf des Volkes gegen die machtgierigen Landvögte. Die Dramavorlage von Friedrich Schiller wird vom Thuner Autor und Regisseur Ueli Bichsel inszeniert.

Interlaken: 29. Juni – 16. September. www.tellspiele.ch

Ballenberg: Nidwaldner Frauenpower

«Veronika Gut – Aufruhr in Nidwalden»: Starke Frauen gab es schon um 1800. So etwa die Bauersfrau Veronika Gut, die sich nach dem Tod ihres Mannes allein um ihre sieben Kinder kümmern muss. Da sie von Natur aus fleissig und zäh ist, gelingt ihr mehr als das – sie engagiert sich im Kampf der Anhänger des Ancien Régime (der «Vaterländer») gegen jene der helvetischen Regierung (die «Pa­trioten»). Am Landschaftstheater Ballenberg inszeniert Marlise Fischer die Geschichte der zugleich gehassten und bewunderten Frau. Das Stück zeigt die verheerenden Folgen des Kriegs für die Gesellschaft. Geschrieben wurde es von Andreas Berger.

Ballenberg: 5. Juli – 19. August. www.landschaftstheater-ballenberg.ch

Moosegg: Komponist sucht Inspiration

«Die Räuberhochzeit»: Ein Unbekannter, über den gemunkelt wird, er sei ein berühmter Komponist, steigt in der Mitte des 19. Jahrhunderts im Kurhotel und Landgasthof Eggemoosbad ab und sorgt für Auf­regung. Bald stellt sich heraus, dass er tatsächlich ein Kom­ponist auf der Durchreise ist, der sich Inspiration von einem Aufenthalt am Genfersee erhofft. So weit kommt er aber nicht, denn der Berner Ort, die anderen Gäste und die unterhaltsame Wirtefamilie inspirieren ihn mit ihren Geschichten dermassen, dass er gleich ein paar Tage bleibt und ein Singspiel komponiert: «Die Räuberhochzeit». Die musikalisch-historische Komödie von Paul Steinmann wird unter der Regie von Simon Burkhardt mit einem grossen Ensemble aus Amateuren gespielt.

Moosegg: 7. Juli – 19. August. www.freilichtspielemoosegg.ch

Thun: Eiger, Mönch und Katzen

Musical «Cats»: Zum ersten Mal wird «Cats», eines der erfolgreichsten Musicals überhaupt, in der Schweiz unter freiem Himmel aufgeführt. Vor der schönen Seekulisse kann man sich den Handlungsort des Musicals, einen mit Müll über­füllen Schrottplatz, fast nicht vorstellen, doch der alljährliche Ball des Katzenclans muss ja irgendwo stattfinden. Gebirgs­ästheten seien beruhigt: Aus rechtlichen Gründen weicht die Müllhalde einem verlassenen Rummelplatz. Wie jedes Jahr muss der Sippenälteste, Old Deuteronomy, eine der Katzen für den Aufstieg in den Heaviside Layer auserwählen, der die Wiedergeburt in ein neues Leben verspricht. Regie und Choreografie stammen von Kim Duddy, die musikalische Leitung hat Iwan Wassilevski.

Thun: 12. Juli – 24. August. www.thunerseespiele.ch

Steffisburg: Wenn i nume wüsst!

«Vogellisi»: Wer ist eigentlich dieses viel besungene Vogellisi? Bisher war die Adelbodnerin ein Mythos, um den sich Gerüchte rankten. Das liess der Oberländer Märlibühne Spielraum für neue Geschichten. Autorin und Regisseurin Annemarie Stähli brachte ein Theaterstück zu Papier. Jetzt wird in Steffisburg dem Mythos Leben eingehaucht. Das Naturmärchen spielt Anfang des 20. Jahrhunderts, als der Tourismus im Oberland noch in den Kinderschuhen steckte. In einer Zeit, als die Menschen noch mit der Postkutsche fuhren, die Bauern mit der Sense mähten und die Frauen lange Röcke trugen. Annemarie Stähli lässt die Welt der Bergbevölkerung mit jener einer deutschen Aristokratenfamilie aufeinanderprallen.

Steffisburg: 14. Juli – 19. August. www.maerchenhaft.ch

Hinterkappelen: Dicker Fisch

«Moby Dick»: Die Theatergruppe Vorort («Fel­linis totale Liebe», «Neuland») knöpft sich einen Klassiker vor: «Moby Dick» von Herman Melville. Der Walfang als Triebfeder der Industrialisierung im 19. Jahrhundert: Er steht für die Gier der Menschen und die ungebremste Zerstörung der Ressourcen. Die Berner Gruppe versetzt die Geschichte von den Weltmeeren in ein Binnengewässer, den Woh­lensee. Die Wohleibrücke wird zum Dampfer. Vorort ist immer gut für ein Spektakel, und diese Ankündigung tönt ganz danach. Texte: Kristina Michel

Hinterkappelen: 8. August – 9. September. www.vorort.be

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