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Ohne Rolf, mit Ernst

Wie bringt man ein Minenunglück auf die Bühne? «Mining Stories», gesehen beim ­­­Fes­tival Auawirleben, gibt ­Opfern einer vermeidbaren Katas­trophe eine Stimme.

Silke Huysmans erzählt vom Unglück in Minas Gerais.
Silke Huysmans erzählt vom Unglück in Minas Gerais.
zvg

Irgendwie, aber nur auf den ersten Blick, erinnert die Frau an Ohne Rolf. An das Schweizer ­Komikerduo, das ganze Abende bestreitet, ohne auf der Bühne ein Wort zu sagen – indem es beschriebene Plakate vorführt.

Nur auf den ersten Blick. Die Performerin, die über eine Klaviatur am Boden ihre Textcollage steuert und so Worte auf Holzplatten schickt, die wie Monitore für Menschen stehen: Sie hat ein ernsthaftes Anliegen. Silke Huysmans aus Brüssel erzählt von einer Katastrophe, die in Europa praktisch unbekannt ist. Sie erzählt, ohne selbst ein Wort zu reden. Sie tut es mit den Worten der Menschen, die sie getroffen hat. Im Stück «Mining Stories» am Theaterfestival Auawirleben.

Eine vermeidbare Katastrophe

Huysmans wuchs in Brasilien auf, in der Nähe der Stadt Mariana, wo sich 2015 ein schlimmes Unglück ereignete. Der Damm des Absetzbeckens eines Eisenerzbergwerks brach, worauf eine riesige Schlammlawine ins Tal floss und das Bergdorf Bento ­Rodrigues verschüttete. 16 Menschen starben.

Der kontaminierte Schlamm verschmutzte den Rio Doce, die Lebensader der Region in der Provinz Minas Gerais. Eine Katastrophe, die vermeidbar gewesen wäre, wie sich herausstellte: Das Bergbauunternehmen Samarco Mineração ging offenbar nachlässig mit der Sicherheit um. Dennoch durfte es die Minen bald wieder in Betrieb nehmen. Weil das Unternehmen der wichtigste Arbeitgeber der Region ist.

Huysmans besuchte nach dem Unglück die Region und befragte Leute auf der Strasse, die ihr Haus verloren oder Angst um ihre Gesundheit hatten. Aber auch Aktivisten und Wissenschafter kommen zu Wort. Per Fusspedal steuert sie die Aussagen in dieser dokumentarischen Performance. Die Sätze werden auf die Tafeln projiziert und über die Boxen wiedergegeben.

Was zuerst viel Konzentration abverlangt, wird trotz der statischen Bühne zu einem berauschenden Ereignis. Nachdem Huysmans zunächst wie die Moderation eines Gesprächs die Sätze einspielen liess, kombiniert sie die Satzfregmente gegen Ende des einstündigen Stücks immer schneller. Kombiniert sie mit dem Song «Work, work, work» von Rihanna und wird zum DJ der Worte.

Nur: Was hat das mit uns zu tun? Gefährlicher Rohstoffabbau auf der südlichen Erdhalbkugel ist die Grundlage der verarbeitenden Wirtschaft im Norden. Das Risiko ist dort, der Gewinn hier. Moralistisches Betroffenheitstheater? Ein wenig. Aber eines, das auf raffinierte Weise globale Zusammenhänge erhellend erklärt.

Festival Auawirleben: bis 26.5., ­diverse Orte, Bern.

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