Parkhaus, Polyterrasse, Pfauen: Ein Frisch-Parcours durch Zürich

Das Schauspielhaus und Stephan Müller erkunden Schauplätze im Leben und Schaffen von Max Frisch.

Drei für Max: Michael Neuenschwander, Edmund Telgenkämper und Christian Baumbach (v. l.) Foto: Raphael Hadad

Drei für Max: Michael Neuenschwander, Edmund Telgenkämper und Christian Baumbach (v. l.) Foto: Raphael Hadad

Alexandra Kedves@tagesanzeiger

Es ist überraschend ruhig, als unser Theaterpulk Freitagnacht an der Stadelhoferstrasse 28 vorbeizieht: am Haus, in dem der Schriftsteller Max Frisch von 1983 bis zum Tod 1991 lebte. Ungern lebte. Oft entfloh er ins Tessin, bewarb sich vergeblich um andere Wohnungen, beschwerte sich regelmässig über Lärm, schüttete auch mal Kübel voller Wasser über die Feiernden unten auf der Gasse.

Der ungnädige Grantler war allerdings mit sich selbst kaum duldsamer. Wie es sich anfühlt, wenn man im Nebel des Alterns die Sicht aufs Wesentliche und den Glauben ans Bessere verloren hat und die Losung einfach «weiter, immer weiter» lauten muss: Das wird nicht schöngeredet von Herrn Geiser, Frischs desillusioniertem Rentner in der Erzählung «Der Mensch erscheint im Holozän» (1979). Und der Schauspieler Michael Neuenschwander nimmt uns mit in diesen Dauerdruck samt Tunnelblick aufs bevorstehende Ende.

Da lehnen wir an der rauen Rückwand des engen Olgastollens im Parkhaus Hohe Promenade, während sich Neuenschwanders Geiser, im mönchskuttenhaften, geblähten Mantel, vorwärtshangeln will: Gebirgsgang im Unwetter. Geiser müht sich ab an den kalten Rohren im Parkhaus – dem einzigen Halt in unwegsamen Gelände – und tritt doch auf der Stelle.

Endlich geht es trotzdem weiter, zwar nicht für Herrn Geiser, aber für uns. ­Zügig bewegen wir uns durch die kühle Nacht, vorbei an der Kantonsschule Hohe Promenade, hoch zum Pfauen. Die Bühne hat so manche Frisch-Uraufführung gesehen und ist die letzte Station des Frisch-Trips mit dem Titel «Ärger im Paradies», der vor über vier Stunden auf der Polyterrasse der ETH Zürich begann.

Und sie ist die erste Station, der Uraufführungsort, für Frischs frühes Filmscript «Der Harlekin». Eine «Faust»-Adaption, in der Frisch sein Lebensthema, die Unmöglichkeit geglückter Beziehung, durch den Dialogwolf dreht.

Müde zu später Stunde

Mal ehrlich: So erstaunlich ist es nicht, dass keiner die Chose verfilmte. Vielleicht war die schwächelnde Resonanz aber auch der späten Stunde geschuldet. Denn selbst die hübsch hineincollagierte Digitaltheater-Szene, in der Edmund Telgenkämper virtuell via Livechat Mike Müller vom Café Odeon auf die Bretter beamte, und auch die finale «Triptychon»-Passage (1978) hatten eher etwas von einem Absacker als von einem Muntermacher. Da hingen Susanne-Marie Wrage und Neuenschwander von der Decke wie traurige Engel – und die ­Zuschauer in ihren Sitzen wie Kartoffelsäcke.

Vorher jedoch hatte Regisseur Stephan Müller (der Frisch persönlich gekannt hat) uns mit seinem thematisch assortierten Textkonfekt schön auf Trab gehalten. Von der Polyterrasse gings in einen Hörsaal der ETH, an der Frisch von 1936 bis 1940 Architektur studierte. Im Hörsaal wurden wir mit Frischs unsterblichem «Fragebogen» konfrontiert, und Christian Baumbach rappte sich durch Apokalyptisches und Utopisches: «Es geht um unser Überleben in einem Zeitalter der Veränderung / um ein menschenwürdig Überleben. Alle reden jetzt von Katastrophen.»

Nirgends auf dem Trip kam uns der Vorzeige-Intellektuelle, diese vielbeschimpfte, vielbewunderte moralische Instanz der Schweiz, so nah wie beim Auftakt. Als Neuenschwander uns da mit den Worten aus «Achtung: Die Schweiz» (1955) anging, ging uns das durchaus etwas an. «In der Auseinandersetzung um die Lebensform gibt es keinen Neutralismus. Wir wollen die Schweiz nicht als europäischen Kurort, Tresor, Idylle, sondern als kleines, aber aktives Land, das zur Welt gehört.»

Tänze und Textbrocken

Dann sollten wir selbst aktiv werden: Nach der Busfahrt (verkürzt durch einen witzigen, von Mike Müller gestriegelten Filmclip, in dem Frisch mit Bundesrat Furgler spricht) versuchte Roger de Weck als Moderator redlich, die rund 150 Leute in der Kaserne in eine Diskussion über Demokratie, ihre Krisen und Chancen zu verwickeln. Man verharrte als «verwalteter» Theaterbesucher freilich eher im Konsummodus. Darum funktionierte die Station Botanischer Garten recht gut: Man genoss die Tänze und Textbrocken zwischen Bäumen und Glashaus; und spektakulär war der Anblick des hell erleuchteten Dachs vom Hochhaus des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins vor schwarzem Himmel. Auf der Dachterrasse boten Wanda Winzenried und Telgenkämper via Funk ein dramatisch-hysterisches Hin und Her zwischen Mann und Frau, derweil Fledermäuse vorbeiflitzten, Passanten vorbeischlenderten. Die Stadt spielte mit, als pulsierendes Bühnenbild (Räume: Michael ­Simon).

Das war andererseits die Krux der extrem aufwendig orchestrierten Soiree mit den drei Busfahrten und fünf Spielorten. Für ein richtig lebendiges Stadtraumtheater gabs fast zu viel Frisch, zu viel Text-Sampling und Kulissen-Schau statt Interaktion. Für eine echte Frisch-Wiederentdeckung, -Wiedererweckung hingegen fehlten Erklärungen für eben jene Spielorte, Einordnungen eben jener Textausschnitte.

Der «Ärger im Paradies» macht also Laune. Zornig macht er leider nicht. Der Autor-Architekt selbst hätte auf so einem «Trip durch Zürich, Zeit und Zorn» gewiss mehr Stolperfallen ausgelegt: Alles blieb überraschend ruhig.

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