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Szenen einer vergifteten Ehe

Ein Paar, viele Probleme – und ein schwaches Stück: Das Stadttheater zeigt «Die Stadt» des britischen Vorzeigedramatikers Martin Crimp als Schweizer Erstaufführung. Regisseur Erik Altorfer wagt wenig und verliert viel.

Die Voraussetzungen sind wahrlich nicht schlecht: Da ist ein Haus, da ist ein Garten, da sind zwei Kinder. Und da sind Clair und Christopher, die sich in ihrer kultivierten Mittelstandsexistenz eingenistet haben. Er macht Karriere, bricht morgens auf mit Anzug und Krawatte. Sie arbeitet als freie Übersetzerin zu Hause mit der Strickjacke. Und wenn der Ehemann abends von der Arbeit kommt, begrüsst sie ihn mit der Frage: «Wie war dein Tag?»

Nichts geht mehr

Es könnte die Geschichte einer Vorzeigefamilie werden. Doch da ist auch noch die schnöde Unzuverlässigkeit des Lebens: Christopher (Philippe Graber) verliert seine Stelle, und mit ihr das Gefühl, für irgendetwas zu taugen. Claire (Friederike Pöschel) verguckt sich in einen Schriftsteller namens Mohamed («total faszinierend»), fährt an spannende Kongresse und begegnet dem Schicksal ihres Gatten mit ratlosem Befremden. Nichts will mehr klappen zwischen den beiden: Weder der Sex, noch die verbale Kommunikation («Du sagst nie, dass du mich liebst, weil du mit dir im Unreinen bist»). Clair und Christopher sprechen zwar viel, aber meistens aneinander vorbei. Die Ehe wird zunehmend vergiftet durch das fatale Gebräu aus Angst und Eifersucht, aus Vorwürfen und gestauter Aggression.

Der Stoff ist nicht neu. Man erinnert sich etwa an «Mobbing», den jüngsten Roman der deutschen Autorin Annette Pehnt. Verglichen mit ihrem Glanzwerk, das in lakonischen Dialogen die Konsequenzen eines solchen Scheiterns seziert, kommt Martin Crimps Stück ziemlich schlecht weg. Zu stumpf erscheint die Sprache, zu dünn die Story.

Umso eifriger kokettiert der Vorzeigedramatiker mit dem Geheimnisvollen und peppt das Stück mit bemühten Verrätselungen auf: Da ist die Rede von einem «geheimen Tagebuch»; da ist die Nachbarin Jenny, die über einen «geheimen Krieg» schwadroniert («Jeder in dieser Stadt muss getötet werden»); und da ist die Tochter, die mit bluttriefender Jacke vom Spiel mit dem Bruder heimkehrt. Es ist ein raunendes Kammerspiel, das auf der kleinen Vidmarbühne gut untergebracht gewesen wäre. Das Stadttheater hat sich allerdings für die grosse entschieden: Grau in Grau präsentiert sich die Bühne (Mira Voigt), mit einem gelöcherten Kasten, der von Bühnenarbeitern immer weiter zerlegt wird. Der grosszügige Raum wird allerdings kaum ausgenützt: So dynamisch sich die erste Saisonpremiere mit Molières «Menschenfeind» präsentierte, so statisch bleibt die Inszenierung von Crimps Stück. Abgesehen von einigen Ausbrüchen bleibt das Tempo ebenso reduziert wie die Szenerie. Regisseur Erik Altorfer gibt den Redepausen Raum, postiert aber die Hauptfiguren mit Vorliebe am vorderen Bühnenrand.

Künstliches Drama

Es fehlt nicht an guten Ideen. Und dazu zählt das kluge Spiel mit den Wirklichkeitsebenen: Obwohl die Szenen real anmuten, erscheinen nicht wenige als blosse Kopfgeburten Christophers, begleitet durch die Klänge von Martin Schütz aus dem Off. Trotzdem vermag die Inszenierung das Stück letztlich nicht zu retten. Und das liegt nicht nur am Regisseur, der sich allzu gewissenhaft an die Vorlage hält, sondern auch an den Schauspielern: So tadellos die 12-jährige Ella Sägesser als «Mädchen» ihren Part zwischen Naivität und handfester Bosheit bestreitet, und so herrlich Julia Schmidt als wirre Nachbarin die personifizierte Aufdringlichkeit mimt – die Inszenierung steht und fällt mit den Hauptfiguren: Die Dialoge zwischen Friederike Pöschel und Philippe Graber wirken nicht selten bemüht; dass die beiden je etwas füreinander übrig hatten, nimmt man ihnen kaum ab. Und gerade dort, wo die Inszenierung ihre Wirkung besonders entfalten könnte, zeigen sich deutliche Schwächen: Die Redepausen lassen jene Spannung vermissen, die Raum zum Nachdenken geboten hätte. Am Ende verlässt man die Aufführung mit dem Gefühl, einem künstlichen Drama beigewohnt zu haben, das uns nichts angeht.

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