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Tanz in Bern: Drama über der Bühne

«Ballets Russes» gilt als skandalträchtigste Tanzcompagnie des 20. Jahrhunderts. Das Konzert Theater Bern brachte am Samstag mit «Sacre», «Faun» und «Bolero» gleich drei einzigartige Choreografien auf die Bühne.

Das Drama beginnt schon draussen. Über dem Stadttheater glüht das Abendrot heiss und heisser. Drinnen auf der Bühne, deren Höhe fast bis zum Himmel reicht, stehen wenig später 13 Tänzerinnen und Tänzer mit dem Rücken zum Publikum. Dunkel ist's beim Stück «Sacre», fast schwarz.

Ein Scheinwerfer wandert von einem Individuum zum nächsten. Aus dem Orchestergraben erklingt ein Fagott. Töne von weiteren Blasinstrumenten steigen hoch. Die Tänzer formieren sich zu einer Gruppe, stampfen im Kreis, laufen Runden, gestikulieren archaisch. Bald wird auch die Musik ihre Fäuste zeigen. Irgendetwas liegt in der Luft.

Es paukt und kracht. Auf der Bühne werden Fluchtmöglichkeiten getestet: Eine Leiter wäre da, nur ist die erste Sprosse zu weit oben, unerreichbar. Jemand klettert wie ein Spinnentier auf Tänzerkollegen, um sich der Wand entlang zu bewegen.

Wo sind wir? In einem Maschinenraum, in einer mit Plastik tapezierten Höhle? Im Théâtre des Champs-Elysées in Paris kam «Le sacre du printemps» am 29. Mai 1913 zur Uraufführung. Dort wurden die rohen, eindringlichen Klänge von Igor Strawinsky auch über Körper lebendig. Für das vollkommene Spektakel sorgte damals die Zusammenarbeit mit dem «Ballets-Russes»-Choreografen Vaslav Nijinsky.

Das mondäne, amüsierfreudige Publikum sah sich also plötzlich einem archaischen Frühlingsritual gegenüber: die Balletttänzer stampften wie Mitglieder eines primitiven Stammes, um die Erde anzubeten. Danach tanzte sich eine auserwählte Jungfrau, das Frühlingsopfer, zu Tode. Das Stück verstörte die bisherigen Seh- und Hörgewohnheiten in der Metropole. Und inspirierte Choreografen wie Sasha Waltz, Millicent Hodson oder Kenneth Archer bis heute.

Ein Mann als Frühlingsopfer

Uri Ivgi und Johan Greben nennen ihre Uraufführung in Bern kurz «Sacre». Das israelisch-holländische Gespann choreografierte entlang der existenziellen Frage: «Wie entwickelt und verändert sich eine Gruppe, wenn sie als einzigen Ausweg sich selbst hat?» Im Stück wird die Community auch zum Mob, der ein immer anderes Mitglied in die Enge treibt.

Dann findet man sich wieder im reduzierten Raum, bildet eine Kette, entwickelt neue Strategien. Ein Hoffnungsschimmer tut sich auf: Weit oben blendet ein Licht aus der Wand. Jeder will zuerst über die Menschenleiter durchs Loch. Die Tricks werden immer raffinierter.

Ein Frühlings- respektive Gesellschaftsopfer zeichnet sich ab: Mit akrobatischen, kraftvollen, dynamischen Bewegungen wehrt sich ein Tänzer bis zuletzt. Er bleibt alleine zurück. Immerhin wird seine Leistung durch begeisterten Applaus honoriert.

Von Spannung zur Entspannung

Gute 35 Minuten dauert das zeitgenössische «Sacre». Anfänglich noch etwas verhalten, hat das Berner Tanzensemble einen berauschenden Sog entwickelt. Zur vollen Spannung trägt das Berner Symphonieorchester bei. Nach der Pause folgen «Faun» und «Bolero». Alle Choreografien des so genannten Triple Bills wurden von «Ballets Russes» damals mit avantgardistischer Körpersprache auf die Bühne gebracht.

«Faun», eigentlich «Prélude à l'Après-Midi d'un Faune» nach der Musik von Claude Debussy, ist Entspannung pur. Erstmals hat der Belgier Sidi Larbi Cherkaoui seine Choreografie einem Schweizer Ensemble anvertraut. Das Stück erzählt die Geschichte von einem Faun, der an einem Sommertag aus dem Nachmittagsschlaf erwacht und nicht mehr weiss, ob das nun Traum oder Wirklichkeit ist, was sich ereignet: war/ist da die Göttin Venus vor dem projizierten Wald?

Gerne hätte man Winston Ricardo Arnon und Melissa Cosseta noch länger zugeschaut, wie ihre Glieder frühlingshaft erwachen und neuartige Bewegungsabläufe bilden. Und noch mehr feuriges Abendrot und verspritzten Champagner, dafür weniger leere Bilderrahmen hätte man sich bei «Bolero» gewünscht. Der aufstrebende Choreograf Etienne Béchard wählte fürs Stück eine Kunstgalerie, wo sich eine Gesellschaft anlässlich einer Vernissage im Crescendo feiert.

SDA/flo

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