Telefonistinnen auf Gangsterjagd

Bern

Das Theater Matte zeigt zwei Stücke von Franz Hohler an einem Abend. An der Premiere sass der Autor im Publikum.

<b>Gekündigt:</b> Hanny Gerber im Call Center.

Gekündigt: Hanny Gerber im Call Center.

(Bild: Lea Moser)

Helen Lagger@FuxHelen

«Viel Glück», sagt sie zu ihren Kunden am Telefon, nachdem sie ihnen alle möglichen mütterlichen Ratschläge mit auf den Weg gegeben hat. Telefonistin Elisabeth (Hanny Gerber) ist anders als ihre Kolleginnen Barbara (Livia Franz) und Selma (Corinne Thalmann), die freundlich und effizient die Anrufer abfertigen. Das hat ihr selbst aber kein Glück gebracht. Die gutmütige Frau hat die Kündigung bekommen.

So ist die Ausgangslage im Stück «Callcenter» von Franz Hohler. 2010 wurde die Krimikomödie uraufgeführt. Regisseur Oliver Stein inszeniert das Stück für das Theater Matte.

Mit «Lassen Sie meine Wörter in Ruhe!» kommt im zweiten Teil des Abends ein Stück von Franz Hohler aus den Siebzigerjahren zur Aufführung. Corinne Thalmann hat den Text in eine Dialektfassung übersetzt. Am Premierenabend versprach Schauspielerin Annemarie Morgenegg «dreimal Hohler». «Zweimal auf der Bühne und einmal im Zuschauerraum.» Der 75-Jährige Schriftsteller sass im Publikum.

Die für Hohler typischen Sprachspiele verfehlten ihre Wirkung nicht. Gerber, Thalmann und Franz erweisen sich als Telefonistinnen als Meisterinnen des Timings. Sie müssen oft alle gleichzeitig am Telefon sprechen, was für viele komische Momente sorgt. Elisabeth hat ihren letzten Tag.

Als sich bei ihr ein verzweifelter Babysitter meldet, der angeblich ein krankes Kind hütet, ist sie überzeugt, es mit dem Entführer, über den in der Zeitung berichtet wurde, zu tun zu haben. Sie hält ihn bei der Stange und bezieht auch ihre Kolleginnen in die Gangsterjagd mit ein. Die Kripo, vertreten durch den Polizisten Hersberger (Markus Maria Enggist), führt sie bis zum glücklichen Ende an der Nase herum weil sie selber ermitteln will.

Hanny Gerber spielt ihre charmant naive Figur mit vielen Nuancen. Sie gibt den Berufskodex auf, um den Entführer zu fassen. Hohlers Stück ist ein Plädoyer für Individualität in einer auf Effizienz getrimmten und von Technologie bestimmten Welt.

Der 1943 in Biel geborene Schriftsteller, Liedermacher und Kabarettist, dessen bekannteste Nummer «Ds Totemügerli» (1967) ist, protestiert in seinen Texten leise und mit Witz gegen Kälte und Unmenschlichkeit.

Duell der Wörter

Während das erste Stück sich eher klassischen Theaterkniffen bedient, ist der zweite Teil des Hohler-Abends nahe an einer Performance. Eine aus Quadraten bestehende Wand, die sich als Häuserfassade entpuppt (Bühne: Fredi Stettler, Nicole D. Käser), dient den zwei Figuren Kart (Corinne Thalmann) und Halbstein (Markus Maria Enggist) als Schlachtfeld für ein Wortduell.

Am Anfang von «Lassen Sie meine Wörter in Ruhe!» steht die Begegnung zwischen Kart und Halbstein. Sie ist anarchistisch und individualistisch, er ist durchstrukturiert. Gemeinsam ringen die beiden um Wörter. «Der Satz zerreisst», klagt er. «Nichts zerreist. Der Satz ist dehnbar», kontert sie. Er hält sich streng an Definitionen aus dem Wörterbuch, sie erfindet neue Bedeutungen.

Klar, dass diese beiden «Liebe» oder «Borkenkäfer» anders beschreiben. Regisseur Oliver Stein inszeniert den Schlagabtausch rasant und mit Einsatz von einem Song der Band Queen. Ob es Hohler gefallen hat? Jedenfalls applaudierte er wohlwollend.

Nächste Vorstellung: Donnerstag 27. Dezember um 20 Uhr im Theater Matte, Bern.

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