Zum Hauptinhalt springen

Und ewig lockt das Weib

Das Theater an der Effingerstrasse präsentiert mit «Die Nachtbraut» ein Stück basierend auf Schriften des Dichters Giauque.

Helen Lagger
Anna (Mia Lüscher) verdreht dem labilen Philippe (Fabian Guggisberg) gehörig den Kopf. Foto: zvg/Severin Nowacki
Anna (Mia Lüscher) verdreht dem labilen Philippe (Fabian Guggisberg) gehörig den Kopf. Foto: zvg/Severin Nowacki

Vor vollen Rängen präsentiert der Schweizer Germanist und Publizist Charles Linsmayer im Theater an der Effingerstrasse sein Herzensprojekt. Linsmayer hat die deutschsprachige Erstausgabe von Francis Giauques Œuvre «Die Glut der Schwermut im Schattenraum der Nacht» herausgegeben.

Prosa und Gedichte wurden von Barbara Traber und Christoph Ferber übersetzt. Das darauf basierende Stück «Nachtbraut» feierte im Theater an der Effingerstrasse Premiere und geht danach auf Schweizer Tour.

Linsmayer, der bis 2009 Journalist beim «Bund» war, führte vor dem Stück in Leben und Werk des mit 31 Jahren freiwillig aus dem Leben geschiedenen Dichters aus dem Berner Jura ein. Ein Sonnyboy sei er gewesen, um den sich die Mädchen gerissen hätten.

Er «schwamm wie ein Fisch» und «tanzte wie ein Gott». Doch als eine Hautkrankheit den jungen Mann verunstaltete, ging es mit ihm bergab.

Krankheit und Klinik

Er geriet «in den Bann von Krankheit», wie Linsmayer es formulierte. Nach Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken und dem Tod der Mutter fand Giauque sich nicht mehr zurecht.

Seine Leiche wurde 1965 im Neuenburgersee geborgen. Die These, die Linsmayer wie auch Regisseur Markus Keller teilen: Die zerbrochene Liebe zu der Malerin Emilienne Farny (1938–2014) – es wurden an sie formulierte Liebesbriefe gefunden – liess den Dichter verzweifeln.

Markus Keller stützt sich in seinem selbst verfassten Zweipersonenstück auf diese Annahme und dramatisiert das Ganze. Die «Nachtbraut» heisst angeblich Anna (Mia Lüscher) und verdreht dem labilen Philippe (Fabian Guggisberg) gehörig den Kopf.

Das Mädchen trägt einen zeitlosen Trenchcoat und Béret, die Stadt, in der sich die beiden treffen, wird nicht genannt. Die Bühne besteht aus einem Tisch und zwei Stühlen und einem abstrakten Wandbild, einem netzartigen Geflecht, das wohl die komplizierten Gedanken des Dichters symbolisieren soll.

Leider will die pathetische Dichtersprache auf der Bühne nicht recht zünden. Es wirkt reichlich gestelzt, wenn der junge Mann schwadroniert: «Der Mond am Himmel glich einer verfaulten Frucht voller Eiter.» Oder wenn er Anna an die Brust fasst und sich danach kurz innehaltend kommentierend ans Publikum wendet.

Diese Erzähltechnik sowie die Zusammenkünfte und Trennungen der beiden wirken zu gekünstelt, um wirklich zu berühren. Die «Nachtbraut» ist vor allem eines: eine pathetische Projektion.

Als «widersprüchlich» wird die Frau beschrieben, die kommt und geht, wie es ihr passt, und vielleicht noch andere Liebhaber hat. «Glaubst du, wir verstehen uns?»; «Denkst du, wir könnten uns lieben?», fragt Philippe mehr sich selbst als seine Angebetete.

Der von den Gedichten Giauques inspirierte Text wirkt an manchen Stellen unfreiwillig komisch. Zunehmend steigert sich der junge Mann im Laufe des Stückes in eine Anklage gegen alles und jeden hinein, während Anna seiner Todessehnsucht nicht mehr folgen mag. «Ich werde bis zuletzt in dieser Stadt bleiben, die mich anwidert», ächzt Philippe, der schliesslich interniert wird.

Platte Bühnenbilder

Den Irrsinn nimmt man dem Schauspieler zwar ab, die gefunden Bühnenbilder dafür kommen allerdings reichlich platt daher. Zu disharmonischer Musik – man kennt das aus zahlreichen Filmen – kritzelt der Kranke die Wörter «Liebe» und «Tod» auf einen Tisch, während seine verzweifelte Geliebte ihn an einen Stuhl fesselt. «Alles löst sich auf» und «Etwas in mir zerreisst», lässt uns Philippe wissen.

Schade: Das angeblich grosse, lange verkannte und in der Deutschschweiz bisher unbekannte Dichtertalent Giauques wird durch diese Bühnenfassung nicht wirklich nachvollziehbar.

Nächste Vorstellung im Kanton Bern: 19. Februar, 20 Uhr, Kirchgemeindehaus Moosseedorf

Dieser Artikel wurde automatisch auf unsere Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch