«Uns wurde von allen Seiten von der Landiwiese abgeraten»

Heute ist die grosse Preisverleihung am Zürcher Theater Spektakel: ein etabliertes Kulturevent mit Stadtpräsidentin. Doch der alte Geist weht noch, finden zwei Festival-Urgesteine.

Gut behütete australische Mittelschichtskinder erinnern an das Schicksal der Flüchtlingskinder auf der Insel Nauru in «We All Know What's Happening». Foto: Bryony Jackson

Gut behütete australische Mittelschichtskinder erinnern an das Schicksal der Flüchtlingskinder auf der Insel Nauru in «We All Know What's Happening». Foto: Bryony Jackson

Am heutigen Samstag werden am Zürcher Theater Spektakel die Preise verliehen: der grosse Förderpreis, der Publikumspreis, die Anerkennungen. Das Festival, dessen 40. Ausgabe am Sonntagabend zu Ende geht, gebärdet sich wie eine Institution. Ist da der Ursprungselan noch spürbar?

Gerade stürzten uns noch sieben Kinder und Jugendliche aus Melbourne in betroffenes Schweigen mit ihrem Stück über das australische Flüchtlingslager auf der Insel Nauru. Die Kids gaben sieben eingesperrten, realen Flüchtlingskindern eine Bühne: «We All Know What’s Happening» von Samara Hersch und Lara Thoms entspricht jedenfalls dem Geist, in dem das Theaterfestival 1980 gegründet wurde. Der etablierte Kulturbegriff war gesprengt, die Ära einer puren Elite-Bespassung im Opernhaus vorbei. Kunst sollte endlich jeden abholen, am Althergebrachten kratzen, Lebenswirklichkeiten reflektieren.

Öffnung war das erklärte Ziel

Ins Leben gerufen wurde das Fest auf der Landiwiese, wider alle Unkenrufe, 1980 von Theatermann Jürg Woodtli, TA-Mitarbeiter Wolfgang Wörnhard und Nicolas Baerlocher von der Stadt Zürich. Die erste Ausgabe dauerte nur acht Tage, man spielte in drei Zelten und in der Roten Fabrik, verkaufte aber immerhin bereits 12 500 Tickets. Schon damals kamen die Gruppen aus verschiedenen Ländern, und die Öffnung für alle – inhaltlich, architektonisch, preislich – war das erklärte Ziel.

Nach 40 Jahren betrachten nun Wolfgang Wörnhard und Cornelia Howald, die 1982 vom TA zum Festival stiess und dort bis 2013 blieb, die Entwicklung. Sie zählen sozusagen zu den Urgesteinen des Zürcher Theater Spektakels, und wir haben bei beiden nachgehakt: Ist das Spektakel seinem Geist treugeblieben? Und: Braucht es das Theaterfest überhaupt noch, wenn mittlerweile überall Räume für innovative Performance vorhanden sind?

40 Jahre Widerständigkeit – geht das überhaupt, vor allem wenn das Festival inzwischen als fixe Extra-Jahreszeit Zürichs eine Institution ist?
Wörnhard: Ein emphatisches «Ja!» Diese Widerständigkeit spüre ich noch. Im Programm, aber auch bei den Mitarbeitenden, gerade den Technikerinnen und Technikern. Für mich hat sich das Theater Spektakel überhaupt nicht überholt.
Howald: Als Zuschauerin heute stosse ich auf viel Neues, Unbekanntes, Beeindruckendes, das man in dieser Form und in dieser Menge während des Jahres nirgends sonst sehen kann. Darum finde ich, dass das Spektakel immer noch seine Gültigkeit hat. Das Leitungsteam wird auch heuer wieder Bilanz ziehen und schauen, wo Änderungen anstehen. Das ist ein unablässiger Prozess.

Wie hat sich das Spektakel verändert?
Wörnhard: Die Urspungsideen greifen noch immer; zusätzlich bereichern internationale Koproduktionen das Festival. Auch die Förderung interessanter Theaterprojekte wurde möglich. Und war zu Beginn viel improvisiert an den Bauten, sind es nun durchgestaltete Theaterräume. Die Zirkuszelte hatten viele Nachteile. Durch den Verzicht ging aber verloren, dass sich das Publikum im Halbrund selber sieht. Schön wäre es ausserdem, wenn das Spektakel wieder Ausflüge in die Stadt unternähme.
Howald: Das Spektakel ist natürlich gewachsen und hat ausser der Landiwiese auch andere, teils aussergewöhnliche Orte bespielt, manchmal nur temporär. Vom etwas freakigen, alternativen Festival hat sich das Theater Spektakel zu einem hochprofessionellen Anlass entwickelt – der aber seinen Charme weitgehend behalten konnte.

«Die Landiwiese ist für meinen Geschmack etwas zu sehr überstellt.»Wolfgang Wörnhard

Wie fühlt sich der Raum an?
Wörnhard: Die Landiwiese ist für meinen Geschmack etwas zu sehr überstellt. Die Theaterräume haben sich dem Bedürfnis der Theaterschaffenden angepasst.
Howald: Auf die Platzgestaltung wurde stets viel Wert gelegt. Neue Spielorte wurden gebaut, die Beizen anders plaziert, Nebenschauplätze geschaffen. Meines Erachtens gelingt es auch heute, die Landiwiese als offenen Platz zu erhalten und nicht zuzubauen.

Ist heutzutage ein anderer Zuschauertyp am Festival?
Howald: Ein Teil der Zuschauerinnen und Zuschauer hat sicher mehr Erfahrung mit Theater und Tanz. In den frühen Jahren des Festivals gabs hierzulande kaum Alternativen zu den etablierten Institutionen. Eben das wollte man aufmischen. Als ich mir jetzt die Besucher auf der Landiwiese so anschaute, fiel mir wieder die vielfältige Durchmischung von Flaneuren, Familien mit Kindern, Jung und Alt, Theatergängern und Essfreudigen auf: Das klappt immer noch sehr schön. Toll.
Wörnhard: Ich sehe mehr Leute mit Migrations-Hintergrund auf der Wiese. Das freut mich, weil ich das als Zeichen nehme, dass das Theater Spektakel weit über das Bildungsbürgertum hinausreicht.

«Das Programm kann sicher noch geschärft werden.»Cornelia Howald

Was ist heute das Alleinstellungsmerkmal des Festivals, wo internationale Performances in den festen Häusern Einzug gehalten haben?
Wörnhard: Die Mischung, das Kunterbunte, das Lockere, vor allem aber die bewusst gelebte spartenübergreifende Internationalität. Gar nicht gefällt mir hingegen das Überangebot von platzversperrenden, aufdringlichen Gauklern mit ihrem Musikmischmasch.
Howald: Das Programm kann sicher noch geschärft werden. Die Gesellschaft verändert sich. Es gibt neue Bevölkerungsgruppen, die man abholen soll, Probleme, die man angehen muss. Junge Leute treiben spannende Fragen um, viele Menschen haben andere Bedürfnisse und Geschichten. Es gibt noch viel zu tun! Festivals werden geliebt, weil man innert kurzer Zeit eine Menge sehen, hören, erleben und entdecken kann.

Eine Entdeckung für Cornelia Howald: Die jugendlichen Chileninnen in «Paisajes para no colorear». Foto: Christian Altorfer

Was war ein besonderer Moment in Ihrer Festival-Arbeit?
Howald: Für die Ausgabe 2013 habe ich teils schon mit meiner Nachfolgerin Delphine Lyner zusammenarbeiten können. Auf der Landiwiese habe ich mich dann manchmal schon fast als Besucherin gefühlt. So viele Produktionen habe ich mir in all den Jahren nie, und erst noch so entspannt, anschauen können. Da war sehr schön und natürlich auch etwas traurig.
Wörnhard: Eine besondere Reminiszenz ist für mich, wie uns bei der Vorbereitung von allen Seiten von der Landiwiese abgeraten wurde. Da käme kein Mensch hin. Zum Glück fanden wir keinen besseren Platz!

Was gefiel Ihnen 2019 am besten?
Wörnhard: Am meisten beeindruckt haben mich die sieben Frauen im patriarchats-kritischen Stück von Phia Ménard.
Howald: Die Vorstellung der jungen Chileninnen der Gruppe La Re-Sentida hat mich sehr berührt. Das Stück passt genau ins Programm des Theater Spektakels. Genau solche Abende kann man am Theater Spektakel erleben.

Verleihung der ZKB-Preise an die gekürten Künstler heute um 16:30 Uhr, Spielort Süd. Am Theater Spektakel ist noch volles Programm heute Samstag, 31.8., und Sonntag, 1.9.

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