Wo der Psychiater den Polizisten verhört

Emotionen, Enthüllungen und erstklassiges Schauspiel: Die Schweizer Erstaufführung «Hinter der Lüge» im Theater Matte überzeugt auf ganzer Linie.

Wer sitzt am längeren Hebel: Der Polizist (Dänu Brüggemann, l.) oder der Psychiater (Markus Maria Enggist)?

Wer sitzt am längeren Hebel: Der Polizist (Dänu Brüggemann, l.) oder der Psychiater (Markus Maria Enggist)?

(Bild: PD)

Die beiden Männer stehen Gesicht an Gesicht, zwischen ihnen die Wut und kaum ein Zentimeter Luft. Im Hintergrund ein weisser Tisch mit zwei weissen Stühlen, darüber Licht wie in der Zahnarztpraxis.

Es ist die Schweizer Erstaufführung von «Hinter der Lüge» im Theater Matte Bern, wo das Stück des chinesischen Autors Nick Rongjun Yu erstmals in Dialektfassung zu sehen ist. Handlung ist ein Verhör, bei dem ein Psychiater (Markus Maria Enggist) von einem Polizisten (Dänu Brüggemann) vernommen wird.

Das Stück kommt fast gänzlich ohne Namen aus. Markus Maria Enggist gibt sich als verdächtigter Arzt zunächst unwissend verzweifelt, wenn er sich pantomimisch an der imaginären Glasscheibe abstützt und mit leerem Blick in den Publikumsraum schaut.

Metaphorische Szenenbilder

Er solle seine Frau ermordet haben, wirft ihm der Polizist vor. Dieser ist anfangs am längeren Hebel, fordert ruppig und lautstark Antworten und schaut mit passend straffer Frisur streng und grimmig drein. Doch zunehmend wird das Ganze merkwürdig. Man stutzt, als der unschuldig wirkende Psychiater ganz unverfroren einräumt, seine Frau habe mit seinem Einverständnis einen Liebhaber gehabt.

Man wundert sich über die plötzlichen Gefühlsanwandlungen des Polizisten, wenn es um Liebe und Kinder geht. Und ehe man sich versieht, sitzt der Angeklagte auf dem Stuhl des Polizisten und löchert diesen über sein Privatleben. Das Machtverhältnis ist gekippt – vorerst.

Regisseurin Livia Anne Richard hat ein Händchen für metaphorische Szenenbilder. So rückt der Polizist etwa ständig sein Notizheft in eine gerade Position, und sein Stuhl hat eine Rückenlehne im Gegensatz zum Hocker, auf dem der Verdächtige sitzt. Anspielungen auf eine aufrechterhaltene Lüge?

Mal explosiv, mal in Zeitlupe

Obwohl sich die Handlung 80 Minuten lang vor derselben kargen Kulisse abspielt, kommt niemals Langeweile auf. Erschreckend laute und leise Dialoge wechseln sich ab, Enggist und Brüggemann spielen mal explosiv, mal in Zeitlupe, erwürgen sich im einen Moment beinahe und verbrüdern sich im anderen.

Mit akustischer Untermalung wird so sparsam umgegangen, dass sie stets überraschend kommt und die Worte der Schauspieler treffend untermalt.

In «Hinter der Lüge» durchlaufen die Charaktere eine ganze Palette an Emotionen. Das meistern die beiden Schauspieler überaus glaubwürdig. In einer Szene gibt sich Enggist einem Lachanfall hin, der fast unmerklich in ein Schluchzen übergeht.

Vielleicht bleibt das Stück auch darum so fesselnd, weil die Zuschauerinnen und Zuschauer gedanklich gefordert sind – etwa damit, sich den Tathergang vorzustellen, den Enggist und Brüggemann Stück für Stück enthüllen. Oder damit, sich ein Bild vom Sohn des Polizisten oder der herzkranken Frau des Psychiaters auszumalen.

«Hinter der Lüge» kommt als Krimi daher, aber das ganz grosse Thema ist die Liebe – mit ihrer Unberechenbarkeit und Unleugbarkeit. Das Stück hat das Potenzial, eine der grossen Perlen der angelaufenen Schauspielsaison zu werden.

Nächste Vorstellung: Dienstagabend, ab 20 Uhr, Theater Matte, Bern. Weitere Vorstellungen bis zum 18. März. Tickets: theatermatte.ch.

Berner Zeitung

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