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«Zum Sterben kompliziert ist das»

Marianne de Pury (83) ist Theaterregisseurin, Pianistin und Komponistin. Für Konzert Theater Bern arbeitet sie gelegentlich als Französischcoach.

Kann ab 22 Uhr kein Deutsch mehr: Marianne de Pury in ihrer Wohnung in der Berner Altstadt.
Kann ab 22 Uhr kein Deutsch mehr: Marianne de Pury in ihrer Wohnung in der Berner Altstadt.
Beat Mathys

Das nennt man ein Bijou: Von Marianne de Purys Wohnung in der Berner Altstadt aus sieht man auf die Aare, die Münsterplattform, den Park des Erlacherhofs und den Gurten. Das eigentlich Spannende findet man aber im Innern der Wohnung. Jeder Zentimeter erzählt von einem reichen, bunten Leben. Unzählige Bücher, Fotos, eine Nähmaschine. Auf dem Sofa ein halb ge­packter Koffer. Auf dem Tischchen neben dem Fenster liegen eine Unmenge von Papierfliegern, gefaltet von de Purys Enkelkind. Ein Papierflieger liegt etwas separiert neben den anderen. «Der fliegt am besten», sagt sie und lächelt. Die 83-Jährige hat trotz ihres Alters etwas mädchenhaft Zartes an sich, ihre Gesichtszüge sind fein. Die Haare schlohweiss, die Augen bestechend blau. Wenn sie spricht, wirft sie die Sätze nonchalant in den Raum, mit einer Mischung aus Würde und Schalk.

Leichter und sanfter

Die in Genf und Bern aufge­wachsene Theaterregisseurin, Komponistin und Pianistin ist freiberuflich als Französischsprachcoach für Konzert Theater Bern tätig. Vor vier Jahren hat sie das Ensemble für «Armide» von Christoph Willibald Gluck sprachtechnisch fit gemacht, dieses Jahr für «Carmen». Die Oper von Georges Bizet ist noch bis Ende Juni am Stadttheater zu sehen. «Armide» sei ihr erstes Engagement als Sprachcoach gewesen, erzählt de Pury. Erfahrungen sammeln konnte sie aber bereits in Bonn, wo sie oft selbst inszeniert hat. Hier habe sie «vor tausend Jahren» eine Regiehospitanz bei einer Oper gemacht, weil sie habe lernen wollen, wie man mit einem Chor arbeite. Vom dortigen Sprachcoach habe sie viel gelernt. «Wissen Sie», fährt de Pury fort, «Französisch zu singen, ist eine ganz andere Geschichte, als Deutsch oder Italienisch.» Deutsch sei scharf und spitz, voller K, P und T, auf Französisch sei alles leichter und sanfter.

Doch wie bringt man Leuten bei, die kein Wort Französisch sprechen, akzentfrei zu singen? Zumal ein Ensemble aus verschiedensten Nationen besteht. Eine Chinesin hat einen voll­kommen anderen sprachlichen Hintergrund als ein Russe oder eine Südafrikanerin. «Ein all­gemeingültiges Rezept gibt es nicht», sagt Marianne de Pury. «Man muss auf jeden einzelnen Sänger individuell eingehen. Jeder hat ein anderes Ohr.»

Bis es klingt, wie es soll

Die Arbeit für «Carmen» begann acht Wochen vor der Premiere. Marianne de Pury traf sich gemeinsam mit der Korrepetitorin mit jedem Sänger einzeln. Ein Korrepetitor ist ein Pianist, der mit den Sängern ihre Parts einstudiert und dabei die Rolle des Orchesters übernimmt. Zuvor hatte sich de Pury intensiv in die Partitur eingearbeitet, war Satz für Satz durchgegangen und hatte sich alle schwierigen Stellen angestrichen. Die Arbeit mit den Ensemblemitgliedern beginne damit, dass die Sängerin oder der Sänger den Text laut lese. «Da höre ich schon heraus, wie es um die Sprachkenntnisse steht und ob der Text verstanden wird.» ­Danach folgt der Durchlauf mit Musik. Marianne de Pury hört genau zu, macht sich Notizen, gibt Tipps und Feedback. Bis es so klingt, wie es soll.

Bei «Carmen» bestehe die Schwierigkeit darin, dass es ein sehr französisches Stück sei, eine Opéra-comique mit viel Sprachwitz. Für Franzosen sei das Stück «zum Totlachen». «Ausserhalb Frankreichs kommt die Geschichte aber sehr dramatisch daher, weil die meisten den Humor nicht verstehen.» An der Premiere in Bern sei sie die Einzige gewesen, die dauernd gelacht habe.

Es sei immer wieder faszinierend, wie sich die Sänger in eine ihnen völlig unbekannte Sprache einarbeiten könnten, gerade in eine so schwierige wie Französisch, sagt de Pury. «Diese Sprache verfügt über siebzehn Vokale, schon nur das E kann man auf vier verschiedene Arten aus­sprechen», erklärt sie und fügt hastig hinzu, als wolle sie sich ­selber unterbrechen: «Anyway. Zum Sterben kompliziert ist das.» Eine Koreanerin habe sich mal am Französischen fast die Zähne ausgebissen. Koreanisch und Französisch vertrügen sich überhaupt nicht, sagt de Pury. «Koreaner hören die Unter­schiede der verschiedenen Be­tonungen des E nicht, sie sind nicht mit diesen Klängen aufgewachsen.» Sie habe aber auch selber viel von den Sängern gelernt, sagt de Pury und nimmt einen Schluck Kaffee. «Beim Singen werden im Französischen alle Laute vorn im Mund gebildet, das ist unglaublich anstrengend!» Wer sich das nicht gewohnt sei, bekomme schnell Muskelkater. Nicht nur beim Singen, auch beim Sprechen. Dann erzählt sie von ihrem Mann, einem Amerikaner, der es am Anfang un­glaublich ermüdend fand, mit ihr Französisch zu sprechen.

Seit 26 Jahren in Bern

Marianne de Pury hat an vielen Orten der Welt gearbeitet und gelebt. Fast dreissig Jahre in Ame­rika, aber auch in Mexiko, Peru und El Salvador. Sie hat Theaterstücke inszeniert von Dublin bis Melbourne, war Composer-in-Residence in New York, administrative Direktorin am Théâtre de Carouge in Genf, künstlerische Direktorin eines kleinen Theaters in Santa Fe und hat als Dozentin in Amerika und Südamerika gearbeitet. In Bern lebt sie nun seit 26 Jahren. Neben ihrer Muttersprache Französisch spricht Marianne de Pury fliessend Deutsch, Englisch, Spanisch und Italienisch. Wenn sie träume oder mit sich selbst spreche, sei das immer ein «Gnusch» aus allen Sprachen. Und ab 22 Uhr könne sie kein Deutsch mehr.

Heimlich nach Paris

In allen Sprachen inszeniert de Pury auch, das letzte Mal vor ein paar Monaten auf Englisch in Bonn: «The Importance of Being Earnest» von Oscar Wilde. Am liebsten inszeniert sie Stücke der alten Griechen, weil «die alle unglaublich lustig» seien. Wenn sie erzählt, klingt Marianne de Pury nicht wie eine 83-Jährige. Sie spricht von «einem Typen», der sie «genervt» habe, weil er behauptet habe, Kulturschaffende seien faul. Sie lacht viel, ein spitzes, jugendliches Lachen, mischt amerikanischen Slang mit berndeutscher Gelassenheit und elegantem französischen Akzent. Aufgewachsen ist sie in einer ­Musikerfamilie, die Liebe zum Theater entfachte sich im Teenageralter. Da sei sie ein paarmal heimlich übers Wochenende nach Paris gefahren, um sich ­Stücke anzusehen.

Wann ist die Arbeit des Sprachcoachs abgeschlossen? «Spätestens an der Premiere», sagt de ­Pury. War sie bei der Vorstellung zufrieden mit dem Ensemble? Sie nickt, sie hätten es alle sehr gut gemacht mit dem Französischen, auch wenn sie den einen oder anderen Fehler gehört habe.

Und was hat es mit dem gepackten Koffer auf sich? Sie werde am nächsten Morgen für eine Weile nach New York fliegen. Weil «irgend so ein Typ» ein Projekt mit ihr realisieren wolle. «Mal schauen», sagt Marianne de Pury. Und lächelt schelmisch.

«Carmen»: Vorstellungen noch bis 21. Juni, Stadttheater Bern.

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