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Zwei Senioren starten nochmals durch

Grosse Gefühle auf kleiner Bühne: Das Theater Matte führt das Stück «Möwe und Mozart» erstmals in der Schweiz auf. Es überzeugt mit vielschichtigen Figuren und gefühl­vollem Spiel.

Annäherung zweier Ungleicher: Hans Witschi und Marianne Tschirren im Stück «Möwe und Mozart» im Theater Matte.
Annäherung zweier Ungleicher: Hans Witschi und Marianne Tschirren im Stück «Möwe und Mozart» im Theater Matte.
Matte Theater/zvg

Violinklänge aus Mozarts Requiem klingen durchs Wohnzimmer. Herbert (Hans Witschi) bleibt stehen, zum Publikum gewandt. Da ist Schmerz in seinem Gesicht – aber was steckt hinter der miesepetrigen Fassade? Eine Szene zuvor hat Herbert auf einer Parkbank Sofia (Marianne Tschirren) kennen gelernt. Beide sind in die Jahre gekommen, gehen jedoch mit dem Älterwerden komplett anders um.

Herbert knallt dem Leben die Tür vor der Nase zu: Er mag keine Kinder, keine Pommes-Chips, meidet soziale Kontakte, und beim Thema Sex läuft es ihm kalt den Rücken ­herunter. Doch Sofia, die alles liebt, was er hasst, wird er nicht mehr los. Sie verfolgt ihn bis in die eigenen vier Wände. Daran ist Herberts Nichte Cornelia (Nicole D. Käser) nicht ganz unschuldig.

Das von Peter Limburg geschriebene Stück «Möwe und Mozart» wurde bisher in Deutschland und Österreich aufgeführt, unter der Regie von Lilian Naef feierte es jetzt Schweizer Premiere im Theater Matte. Für eine blosse Komödie hat das Schauspiel von Witschi und Tschirren zu viel Tiefgang und emotionale Finesse, zu oft sind da diese bedeutungsschwangeren ­Blicke, wenn sie sich näherkommen. Der Schicksalsschlag, den Herbert einst erlebt hat, liegt in der Luft, wenn er etwa ein Strandbild von seiner Wohnzimmerwand in Stücke reisst. Da ist Bühnenpräsenz, da werden Mimik und Gestik zu Gefühlen.

Sofia ist lebenslustig, macht Witze über ihre Gesundheit: «Ich züchte Rosen. Arthrosen und Arteriosklerosen.» Das Publikum lacht oft, aber wenn sich Herbert und Sofia sarkastische Wortduelle liefern, lacht man mit ihnen, nicht über sie. «Möwe und Mozart» labt sich nicht plump an Verallge­meinerungen über alte Leute, sondern thematisiert gefühlvoll den sozialen Rückzug nach einem Trauma und enttabuisiert das Thema Sexualität im Alter.

Der seelisch Erkältete taut auf

Wie aus einer Zwiebel schält sich nach und nach die Wahrheit hinter Herberts Strandfoto heraus, und es wird klar, warum er seine musikalische Leidenschaft begrub. Je mehr er seine Vergangenheit loslässt, desto mehr taut der seelisch Erkältete auf. Auch Sofia hat ihre Geheimnisse, Limburgs Drehbuch überrascht an unerwarteter Stelle mit Enthüllungen. Der Humor, mit dem etwa Sexualität thematisiert wird, verleitet erst zu Sorglosigkeit. Vor einem gemeinsamen Ausgang gibt Herbert den galanten Kenner im Smoking und stellt sich mit Zigarre vor den Spiegel – diese fällt ihm aber glatt aus dem Mund, als er Sophia im schönen Abendkleid erblickt.

Am Morgen danach erinnert Sofia den verkaterten Herbert an die pikanten Details der gemeinsamen Nacht. Man lacht und ist froh, dass es mit siebzig scheinbar genau gleich weitergeht wie mit zwanzig. Da kommt der letzte Schlenker in Peter Limburgs Geschichte, beschert Sofia einen Schwächeanfall und ermahnt: Nur Zuckerschlecken ist das Leben im Alter eben doch nicht. Entscheidend ist, was man mit der verbliebenen Zeit anfängt. «Möwe und Mozart» erinnert zwar an die Endlichkeit des Lebens, aber auch an die Möglichkeiten, es zu gestalten. Egal, wie das eigene Schicksal aussieht.

«Möwe und Mozart»: bis 21. 1., Theater Matte, Bern.

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