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Zwischen Sepp Blatter und Ostkurve

«Fifa – Glaube, Liebe, Korruption» heisst das neuste Stück von Konzert Theater Bern. Theater über Fussball – kann das gut gehen? Es könnte schon.

David Berger erzählt vom 28. April: Heimspielatmosphäre für fussballaffine Theatergänger.
David Berger erzählt vom 28. April: Heimspielatmosphäre für fussballaffine Theatergänger.
PD / Janosch Abel

Ja, sie haben das nicht schlecht hingekriegt. Da ist so etwas wie Stadionatmosphäre in den Vidmarhallen. Draussen vor dem Saal wirken die Frauen und Männer in kurzen Hosen und Trikots noch etwas ulkig, wie sie sich warm laufend unter das Bierchen trinkende Publikum mischen.

Als es dann losgeht, stürmen die zehn Feldspielerinnen und Feldspieler mit Jubelgeschrei über den Kunstrasen, der im Theatersaal erhöht ausgerollt wurde (Bühne und Kostüme: Clarissa Herbst). Ans laute Grölen im Theater muss sich selbst der Theatergänger mit YB-Saisonabo im Portemonnaie gewöhnen. Doch man ist von Beginn an mittendrin – und nah dran, als sässe man auf der Trainerbank.

Geld fällt aus den Ärmeln

Autor und Regisseur Christoph Frick, der mit dem Ensemble zusammen das Stück entwickelt hat, lässt in «Fifa – Glaube, Liebe, Korruption» drei Leidenschaften aufeinanderprallen. Jene der Fans für das Team. Jene der Spieler für den Erfolg. Und jene der Fifa – fürs Geld. Alsbald streifen die Fussball spielenden Schauspieler Hemd und Sakko über und werden zu Funktionären des Weltfussballverbands, der längst in Verruf geraten ist.

Und darum dreht sich der Hauptstrang: um die Geschichte der Korruption. Sepp Blatter wird zitiert, wie er an abstrusen Pressekonferenzen sich und die Fifa zu verteidigen versucht und sich um Kopf und Kragen redet. Die Gier zeigt sich dadurch, dass den Funktionären andauernd aus Versehen Geld aus den Ärmeln und aus den Bundesordnern fällt, bald ist das ganze Grün mit Dollarscheinen überflutet.

Dann Szenenwechsel. David Berger, einer der Schauspieler, sitzt auf der Gegengeraden und ist jetzt YB-Fan. Ein Anhänger, der in all den Jahren, seit er die Mannschaft verfolgt, bloss drei Spiele verpasst hat. Er erzählt, wie er litt – und wie er feierte, als YB endlich wieder Meister wurde. Für Fans ist der 28. April 2018, als YB nach dem Sieg gegen Luzern als Meister feststand, ein heiliger Tag. Die blosse Erzählung der Ereignisse ist für jene magisch, die damals dabei waren, Berger macht das wirklich gut.

Aus den Gesichtern der Fussballbanausen – und von denen soll es im Theaterpublikum ja auch einige geben – spricht hingegen totales Unverständnis. Bei aller Relevanz des Fussballs als Gesellschaftsphänomen: Verständnis für diesen Wahnsinn muss man nicht haben. Für YB-Fans kommt Heimspielatmosphäre auf, wenn die Spieler sämtliche Fangesänge wiedergeben. Für die anderen muss sich das wie Barbarei anhören.

Stark wie Zimmermann

Unbestritten ist etwas los in der Vidmar 1. Die Faszination Fussball wird auf alle Seiten ausgewallt. Der Höhepunkt des Abends ist, als Milva Stark im Deutschland-Trikot die legendäre Radioreportage von Herbert Zimmermann zum «Wunder von Bern» wiedergibt. Zimmermann berichtete vom legendären, weil überraschenden Sieg gegen die Ungarn im Stadion Wankdorf 1954. Milva Stark hängt sich rein wie eine Verrückte und erntet Szenenapplaus. Auf der Bühne wird auch tatsächlich Fussball gespielt, die Schauspielerinnen und Schauspieler haben schliesslich auch trainiert in den Wochen vor der Premiere.

Sie haben sogar noch am Vormittag vor der Premiere geprobt – das ist in der Regel nicht das allerbeste Zeichen. Und tatsächlich: Nach der Pause flacht das Ganze ab. Womöglich hat die Zeit dafür gefehlt, das Tempo der ersten Halbzeit beizubehalten. Klar ist es nicht ohne, wenn eine lineare Geschichte fehlt. Aber die Textflächen, die da aufeinanderprallen, wirken tatsächlich immer flächiger.

Dass die Form nicht mehr mithält, ist schade, weil der Inhalt nun doch etwas hergibt. Jetzt erzählt Alexander Maria Schmidt die Geschichte Horst Dassler, der als Begründer der Fifa-Korruption eingeführt wird. Dessen Vater war Adidas-Gründer Adi Dassler, der jenen Stollenschuh erfand, der auf dem tiefen Wankdorfboden das Wunder von Bern ermöglichte. Sohn Horsts Geschick bestand darin, sich einen unglaublichen Einfluss auf das Fussballgeschäft zu erkaufen und schliesslich Sepp Blatter als Generalsekretär zu installieren.

Der Fifa-Strang verknüpft sich nie mit der Geschichte der Fanleidenschaft. Das sind verschiedene Welten. Und verschiedene Textflächen.

Weitere Vorstellungen bis 29. Mai, Vidmar 1, Liebefeld

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