In den Bergen, bei den Göttern

Abseits der Touristenzentren bietet Bali prächtige Landschaften und eine traditionelle Kultur.

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Hugo Stamm@HugoStamm

Bali. Allein schon der Name weckt exotische Assoziationen und Ferienträume. Die Sehnsucht nach Strand und Palmen lässt im Geist reflexartig eine Inselwelt entstehen. Ist dann in Reiseprospekten gar die Sprache von einer Götterinsel, wachsen die Klischees in den Himmel wie die Wolken über dem balinesischen Vulkan Batur.

Göttlich ist Bali, die kleine Insel am Ostrand von Indonesien, schon lange nicht mehr. Der Massentourismus hat ihr längst die Unschuld einer Traumdestination geraubt. Hingegen bleibt Bali die Insel der Götter, denn die balinesische Form des Hinduismus ist trotz der Modernisierung noch tief in der Volksseele verankert. Diesen religiösen Spuren ausserhalb der Touristenghettos zu folgen, macht eine Balireise heute noch zum besonderen Erlebnis.

Ein Ghetto aus Luxus

Davon erlebt jener Durchschnittstourist wenig, der sich mit Vorliebe im Dreieck von Beach, Pool und Bar bewegt. In den touristischen Zentren sind diese Spuren unter den Betonmassen begraben worden. Und die Götter wurden von den stampfenden Bässen vertrieben, die in der Nacht und bis zum Morgengrauen aus den Discos dröhnen.

Vor 30, 40 Jahren waren die Götter in Kuta und Legian, den heutigen Ferienzentren, noch bei den Fischern, wenn sie am Morgen ihre Hütten am Strand verliessen und mit ihren traditionellen Auslegerbooten aufs Meer hinaus ruderten. Inzwischen sind die Dörfer zu touristischen Ballungszentren zusammengewachsen, in denen sich Luxushotels, Boutiquen, Discos, Souvenirshops und unzählige Restaurants den engen Raum streitig machen. Der Beton hat sich sogar bis nach Seminyak ausgebreitet. Und die schmale Hauptstrasse wirkt auf den ersten Blick wie ein einziger langer Parkplatz, weil sich die Fahrzeugkolonnen bis spät in die Nacht ätzend langsam vorwärtsquälen.

Von Kuta breitete sich der Tourismus nach Nusa Dua ganz im Süden der Insel aus. Hier wurden keine Dörfer usurpiert, sondern Luxushotels mit grosszügigen Parkanlagen in die unberührte Uferlandschaft geklotzt. Von wegen «Land und Leute» oder «Local Life», wie es im Tourismusjargon heisst. Es ist ein Ghetto aus Luxus, das zur Landbrücke in Richtung Tanjung Benoa hin ausfranst und verschiedene Vergnügungs- und Wassersportzentren beherbergt.

Der Tourist als Hochzeitsgast

Sanur, das dritte grosse Touristenzentrum im Südosten der Insel, bietet immerhin noch einen Rest an Lokalkolorit. Die Stadt ist nicht komplett im Bann der Feriengäste, in einzelnen Quartieren findet ein einheimisches Leben statt. Und die Strandpromenade mit den vielen Restaurants und kleinen Shops verströmt sogar eine gemütliche Atmosphäre. Vermutlich verdankt dies Sanur folgendem Umstand: Bei Ebbe wird das Wasser wegen des vorgelagerten Riffs seicht und verliert den Charme eines Badeparadieses.

Trotzdem: Wer die Götterinsel finden will, muss das Bali der Ferienprospekte verlassen und mit einem Mietauto oder Motorrad eines der vielen Strässchen benützen, die zur Inselmitte führen. Reisfelder, eingerahmt von Palmen, begleiten die Besucher, Bauern pikieren knietief im Sumpf watend Sprösslinge. Bald winden sich die Strassen durch Schluchten, in denen Reste einer Urwaldvegetation der Zivilisation trotzen. Der gelegentliche Blick auf Reisterrassen, die sich die Hügel entlangschlängeln, rundet das Landschaftserlebnis ab.

Magische Architektur

Doch nicht nur die spektakuläre Natur liefert ein Stück ursprüngliches Bali, auch in den kleinen Dörfern scheint die Zeit stillgestanden zu sein. Hinter den hohen Mauern der Anwesen, welche die Strasse säumen, hat sich – abgesehen vom Einzug der Handys und Fernseher – wenig verändert. Die viereckigen Steinmauern, die nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet sind, müssen das Heer der aufdringlichen Dämonen abwehren. Der Osten, wo Shiva und Suray, der Sonnengott, residieren, symbolisiert die Geburt, der Westen den Tod (Sonnenuntergang). Ahnenschreine und Haustempel, wo den Göttern mehrmals täglich Opfer dargebracht werden, runden die magische Architektur ab. Jedes Gebäude, vom offenen Pavillon bis zur Küche, vom Speicher bis zum Wohnhaus für mehrere Familiengenerationen, ist nach alter Tradition angeordnet.

Gelegentlich leuchten den Reisenden auf dem Weg ins Landesinnere kunstvoll verzierte lange Bambusstangen vor Hauseingängen oder Tempeln entgegen: Dann ist ein Zwischenstopp angezeigt. Die Stangen weisen den Weg zu einer Zeremonie, einer Hochzeit oder einem Begräbnis. Hier sind fremde Gäste willkommen. Die Balinesen sind stolz, wenn Besucher hereinplatzen und das festlich gekleidete Hochzeitspaar fotografieren. Attraktive Sujets bieten auch die Gamelanmusiker mit ihren Instrumenten. Die lauten Klänge sind zwar für Touristenohren etwas gewöhnungsbedürftig, denn die Stücke sind melodielos und bauen auf ungewohnten Tonleitern auf. Flöten, Zimbeln, eigenwillige Zupfinstrumente, Metallofone, Gongs und Schlaginstrumente erzeugen aber einen temperamentvollen Klangteppich, der eine hypnotisierende Wirkung hat.

Auf dem Weg zu den Vulkanen

Ziel jeder Reise vom touristischen Süden ins Landesinnere ist der Knotenpunkt Ubud, der in eine schöne Landschaft eingebettet und von Reisterrassen umsäumt ist. Das einstige Künstlerdorf ist zum Touristenzentrum angewachsen. Trotzdem hat es einen Teil des ursprünglichen Charmes mit seinen Tempeln, Märkten und traditionellen Restaurants bewahrt.

Dazu tragen vor allem die traditionellen Anwesen bei: Hinter einer noblen Boutique erhascht der aufmerksame Tourist einen Einblick in die Grundstücke, wo das Leben noch ähnlich traditionell abläuft wie in den entlegenen Dörfern. Und hier können Individualtouristen auch länger verweilen: Manche balinesische Familie bietet auf ihrem Grundstück günstige Zimmer oder Bungalows an. Schliesst man dann als Tourist das Eingangstor und damit die Dämonen aus, entflieht man auch dem touristischen Rummel.

Ubud eignet sich mit seiner touristischen Infrastruktur als Ausgangspunkt für Ausflüge in die Berge und zu den Vulkanen. Schöne Tempel in entlegenen tropischen Regenwäldern, packende Landschaften mit Seen und Vulkanen lohnen ein frühes Aufstehen – denn am Nachmittag türmen sich oft Kumuluswolken, welche die spektakuläre Sicht verdecken und sich oft in Regenfällen entladen. Ein Ausflug an die Nordküste ist nicht zwingend. Weder die Strände noch die Ortschaften besitzen jenen Charme, der ein Ferienerlebnis abrunden und die Anreise lohnen würde. Hingegen sollte kein Weg zu lang sein, um entlegene Bergtempel und Pilgerstätten zu besuchen. Die oft in Nebel getauchten Sakralbauten strahlen eine mystische Atmosphäre aus.

Tages-Anzeiger

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