Die neuen Jobs im Netz sind nichts für Mauerblümchen

Drei Frauen erzählen, welche Chancen und Schwierigkeiten sie in ihren relativ jungen Berufen sehen.

Neuland: Spezielle Stellen für Marketing, Kommunikation oder journalistische Inhalte im Internet gibt es noch nicht lange.

Neuland: Spezielle Stellen für Marketing, Kommunikation oder journalistische Inhalte im Internet gibt es noch nicht lange.

(Bild: Reuters)

Mirjam Fuchs@tagesanzeiger

Schöne neue Internetwelt. Sich online über Übernachtungsmöglichkeiten und Stellenangebote zu informieren oder sich mit Fotos, Filmchen und Texten die Zeit zu vertreiben, gehört mittlerweile zum ganz normalen Bildschirmalltag. Davon profitieren auch Unternehmen. Ihnen bieten sich online neue Möglichkeiten, mit ihren Kunden zu kommunizieren. Innovative Firmen setzen bei ihrem Internetauftritt längst nicht mehr nur auf eine statische Website.

Inhalte werden mit Blogs, Fotostrecken und Videoclips ergänzt, und auf ­Social Media wie Facebook, Twitter und Co. wird rege mit den Nutzern diskutiert. Aber wer bloggt, chattet und twittert denn da? Spezielle Stellen für Marketing, Kommunikation oder journalistische Inhalte im Internet gibt es noch nicht lange. Die Nachfrage und auch das Ausbildungsangebot nehmen stets zu. Wir stellen drei junge Schweizerinnen vor, die in Onlinejobs beim Radio, bei einer Versicherung und bei Couch­surfing, einem internationalen Online-Gastfreundschafts-Netzwerk, arbeiten.



Manuela Kosch, 26
Webredaktorin, Radio SRF 3

«Als Webredaktorin bin ich Teil einer sechsköpfigen Onlineredaktion. Wir kümmern uns darum, dass das Programm von Radio SRF 3 nicht nur onair, sondern auch online zum Publikum gelangt. Das geschieht auf der Website, aber auch auf verschiedenen Social-­Media-Plattformen. Radio SRF 3 besitzt mit über 88'000 Likes eine der grössten Facebook-Communities der Schweizer Medien. Die Reaktionen der Nutzer auf die Inhalte im Internet fliessen ins Radioprogramm mit ein.

Es gefällt mir, dass ich als Webredaktorin nicht nur vor dem Computer sitze. Ich schreibe zwar Texte für die Website oder Statusmeldungen auf Facebook oder Twitter, aber ich fotografiere auch Studiogäste, um eine Radiosendung ­online mit Bildern zu dokumentieren. Und ich filme und schneide regelmässig die Auftritte von Musikern. Diese Musikclips stellen wir dann im Internet zur Verfügung.

Journalismus bei einer Printzeitung wäre nichts für mich. Ich schreibe zwar gerne, aber noch lieber produziere ich Beiträge mit audiovisuellem Material. Visuelle Gestaltung gefällt mir schon lange. Ich habe an der Zürcher Hochschule der Künste den Vorkurs gemacht und bei der Recherche für die weitere Ausbildung den Studiengang ‹Cast/Audio­visuelle  Medien› an derselben Hochschule entdeckt.

Cast-Studierende werden zu ‹Storytellern› für die kleinen Bildschirme ausgebildet. Im ersten Jahr lernten wir das Basiswissen der audiovisuellen Gestaltung. Dazu gehören das Bedienen einer Kamera, Bild- und Audioschnitt und der Umgang mit Animationsprogrammen. Im zweiten Ausbildungsjahr lag der Schwerpunkt auf den Sozialen Medien. Wir produzierten Video-Livestreams, Web-Shows und Social-Media-Kampagnen. Im dritten Jahr absolvierte ich ein Praktikum bei SRF Virus, wo ich anschliessend meine erste Stelle als Social-­Media-Managerin erhielt. Das Studium war die perfekte Vorbereitung für meine bisherigen Stellen.»

Ausbildung und Werdegang: Manuela Kosch begann ihr Cast-Studium 2008 im Anschluss an das Propädeutikum (auch bekannt als Vorkurs) an der Zürcher Hochschule der Künste. Während ihrer dreijährigen Bachelor-Ausbildung absolvierte sie drei Praktika: bei der Pendlerzeitung «News» in Zürich, bei einer Filmproduktionsfirma in Berlin und bei Radio DRS Virus (heute SRF Virus) in Zürich. Nach dem Praktikum kümmerte sie sich als Freelancerin weiterhin um Online-Inhalte und wurde 2011 zur Social-Media-Managerin des Radiosenders. Seit Beginn 2014 ist sie Webredaktorin bei SRF 3 im Radiostudio Zürich und macht berufsbegleitend einen Master in International Media Innovation Management.



Martina Steinmann, 27
Community-Managerin, Couchsurfing

«Aufgaben, die als unlösbar gelten, spornen mich an. Als ich mich vor zwei Jahren entschloss, eine Stelle in San Francisco zu suchen, sagten mir alle, dass das ohne gültiges US-Arbeitsvisum unmöglich sei. Aber mir war klar, dass ich in dieser Stadt arbeiten wollte. Dank dem nahen Silicon Valley gibt es hier viele interessante Online-Unternehmen. Ich kündigte meinen Online-Marketing-Job in der Schweiz und flog in die USA. Bei meiner Recherche vor Ort nutzte ich diverse halbstündige Telefonberatungen, die Anwälte auf Kunden­suche gratis anbieten. So erfuhr ich von meinen Aussichten auf ein J1-Visum für Praktikanten, was meine Stellensuche erleichterte.

Bei Couchsurfing bin ich schon seit 2007 Mitglied. Ich finde die Idee der Website genial: Reisende können dort nach einer freien Couch zum Übernachten suchen oder ihre eigene anbieten. Deshalb bewarb ich mich auf die freie Stelle als Community-Manager, obwohl ich nicht genau wusste, was ein ‹Gemeinschaftsmanager› tut. Überzeugt hat mich schliesslich die Vielfalt der Aufgaben und dass ich mit dem Lohn meinen gewohnten Lebensstandard beibehalten konnte.

Couchsurfing wurde 2011 nach über 8 Jahren von einem Nonprofit- in ein Forprofit-Unternehmen überführt und ist steuerpflichtig, das heisst: Wir müssen Geld verdienen. In einem Team mit rund 20 Angestellten arbeite ich unter anderem mit an der Entwicklung eines nachhaltigen Bezahlungsmodells. Dabei profitiere ich von meiner Erfahrung in der Produkteanalyse und der digitalen Strategieberatung bei meinem vorherigen Job.

Meine grösste Herausforderung besteht aber darin, den über 7 Millionen eingeschriebenen Nutzern zu kommunizieren, warum wir plötzlich Geld verdienen müssen. Dieses Jahr geht es an die Umsetzung der neuen Modelle. Ich betreue verschiedene Projekte, die das Verständnis unterstützen sollen. Dabei arbeite ich ständig mit der Community zusammen: Ich lerne von ihrem Feedback, was wir verbessern können. Ausserdem habe ich das Ambassadoren-Programm aus über 2000 begeisterten Couchsurfern neu lanciert.

2014 wird ein entscheidendes Jahr fürs Couchsurfing, aber auch für mich. Im Herbst erfahre ich, ob ich ein H1B-­Visum erhalte. Das wäre eine grosse Erleichterung – mit meinem jetzigen ­Visum müsste ich innerhalb von 30 Tagen ausreisen, wenn ich meinen Job verlieren würde. Dieses Wissen ist eine Belastung, denn in San Francisco gefällt es mir noch immer so gut wie am ersten Tag. Nicht nur privat, sondern auch beruflich: Im Gegensatz zur Schweiz sind die Kunden hier weniger skeptisch, wenn es darum geht, neue Ideen zu testen.»

Ausbildung und Werdegang: Martina Steinmann besitzt zwei Master-Abschlüsse: Medien und Kommunikation, Englisch und Politik von der Universität Zürich und «Media and Communication Studies» von der Universität Stockholm. Noch während des Studiums begann sie ein Marketingpraktikum bei STA Travel in Zürich. Diese Erfahrung verhalf ihr zur ersten Festanstellung im Online­marketing bei Webrepublic, Zürich. Seit 2012 arbeitet sie als Community Managerin bei Couchsurfing, San Francisco.



Michèle Richner, 28
HR Social-Media-Managerin, Baloise Versicherungen

«Bei einer Versicherung vermuten viele Stellensuchende keine spannenden Jobs. Wir vom ‹Employer Branding›-Team kümmern uns darum, dass sich das ändert. Unsere Aufgabe ist es, die Attraktivität der Arbeitgeberin Baloise zu zeigen und mit möglichen Mitarbeitern ins Gespräch zu kommen.

Als eines der ersten Schweizer Unternehmen setzen wir dabei nicht nur auf die Website, sondern auch auf Facebook oder Twitter. Wie im Produktmarketing ist Social Media im HR-Marketing zum Trendthema geworden. Spezielle Stellen dafür wie bei uns gibt es aber erst wenige. Das Interesse bei HR-Verantwortl­ichen ist jedoch gross, und ich werde häufig an Konferenzen eingeladen, um über meine Erfahrungen zu berichten.

Als HR-Social-Media-Managerin habe ich sehr unterschiedliche Aufgaben. Meistens bin ich damit beschäftigt, Inhalte für unsere zahlreichen Onlineauftritte zu produzieren. Ich schreibe Blogbeiträge, poste etwas auf Facebook oder twittere einen Link. Oft mische ich so Neues mit Traditionellem. Wenn wir etwa einen Softwareentwickler suchen, mache ich ein Videointerview mit einem Mitarbeiter in dieser Position und ergänze das Inserat mit diesem Beitrag.

Das Schönste an meinem Job: Ich habe die Freikarte, alle anzusprechen, denn ich bin immer auf der Suche nach guten Geschichten in der Firma. So lerne ich viele Leute kennen und sitze nicht nur im Büro. Allerdings gibt es bei den neuen Medien dauernd neue Entwicklungen. Es kostet viel Energie, immer am Ball zu bleiben, aber es ist unverzichtbar. Trotzdem reicht es für den Job nicht aus, sich mit Social Media auszukennen. Es braucht Erfahrung in der Kommunikation oder im Marketing und ein Verständnis für die Personalarbeit.»

Ausbildung und Werdegang: Michèle Richner hat zuerst eine KV-Lehre in der kantonalen Verwaltung gemacht und anschliessend einige Jahre in einer Anwaltskanzlei gearbeitet. Dann begann sie ihre Ausbildung zum Bachelor in «Business Administration (International Management)» an der Fachhochschule FHNW. Im Rahmen ihrer Bachelorarbeit spezialisierte sie sich auf «Social Media Employer Branding». Das kam ihr bei der Stellensuche zugute. Nach einem Marketingpraktikum erhielt sie ihre Stelle als HR-Social-Media-Managerin bei der Baloise in Basel. Um mehr Erfahrung im Bereich Video zu sammeln, hat sie sich berufsbegleitend mit einem Certificate of Advanced Studies (CAS) in «Digital Publishing Social Media» an der HWZ Hochschule für Wirtschaft Zürich weitergebildet.

Tages-Anzeiger

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt