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Heilsversprechungen

Die katholische Kirche ist wegen ihrer Doppelmoral verpönt. Die reformierte Kirche ist mir zu profan, und zu den anderen Weltreligionen fühle ich mich nicht zugehörig. Esoteriker versprechen das Blaue vom Himmel – ein Dschungel aus Heilsversprechungen und Idealen. Ich versuche, mein eigenes Wertesystem zu basteln, und fühle mich unzulänglich und mit lauter Widersprüchen und Dilemmata im Leben konfrontiert. Unter anderem damit, dass ich als «Passivmitglied» der katholischen Kirche ihre Doppelmoral noch unterstütze. Habe ich eine Alternative? C. M.

Liebe Frau M. Was die (Passiv-)Mitgliedschaft in der katholischen Kirche angeht, haben Sie selbstverständlich eine Alternative: den Kirchenaustritt. Aber auf die originelle Idee sind Sie wahrscheinlich auch schon ohne meine Hilfe gekommen. Irgendetwas hält Sie offenbar in der römischen Kirche; und vielleicht sind es ja nicht die schlechtesten Beweggründe. Darunter vielleicht die Aversion, mit grossem Getöse offene Kirchentüren einzurennen: Dem Prügelbischof Mixa gehörig was auf seine scheinheiligen Finger zu geben, wäre vor 50 Jahren nicht nur ein tapferer, sondern auch höchst angebrachter Akt gewesen. Die mutige Entrüstung von heute hingegen ist völlig gratis zu haben. Sie wird dadurch nicht falsch; aber angesichts der Tatsache, dass die Brutalität dieser typischen Vor-68er-Grenzensetz-und-zugleich-Grenzen-hemmungslos-überschreiten-Pädagogik stets ein ziemlich offenes Geheimnis gewesen ist, haftet ihr ihrerseits der Hautgout der Heuchelei an.

Ein anderer, auch gar nicht so übler Beweggrund für Ihren Verbleib in der Kirche mag jenem Motiv gleichen, das Gilbert Keith Chesterton für seine Konversion zum Katholizismus angab: «Ich strebte danach, eine Ketzerei zu finden, die mir passt; und kaum hatte ich ihr den letzten Schliff gegeben, musste ich feststellen, dass es die Orthodoxie war.» Nicht trotz, sondern wegen ihres Anachronismus schien Chesterton die katholische Orthodoxie so attraktiv. Denn sie kam seiner Weigerung entgegen, dem Zeitgeist opportunistisch zu huldigen. Ob man deshalb gleich wie Chesterton Papist werden beziehungsweise bleiben muss, ist mit guten Gründen bestreitbar. Aber dass gerade die Orthodoxie eine prima Ketzerei ist, weil sich in ihr der menschliche Eigensinn paradoxerweise besser behaupten kann als in den läppischen reform-theologischen Versuchen, die Widersprüche und Dilemmata des Lebens in die Watte «zeitgemässen» Kirchentags-BibelarbeitsGeschwurbels zu verpacken, leuchtet mindestens mir unmittelbar ein.

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