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Was tun, wenn mich alte Schnitzer jahrelang quälen?

Die meisten von uns tun gelegentlich Dinge, wofür sie sich schämen. Da sich Geschehenes nicht rückgängig machen lässt, entlastet man sich von der aufgeladenen Schuld oder Schmach idealerweise durch eine Entschuldigung respektive durch eine Aussprache. Was aber ist zu tun, wenn sich diese Gelegenheit nicht bietet? Ich habe mich in meinem vierzigjährigen Leben in einige Situationen hineinmanövriert, die mir nach Jahren, sogar nach Jahrzehnten noch peinlich sind. Was raten Sie mir, damit mich meine vergangenen Schnitzer nicht mehr quälen? C. C.

Lieber Herr C. Ich glaube, dass Scham zäher ist als Schuld: «. . . es war, als sollte die Scham ihn überleben.» So endet Kafkas Roman «Der Prozess». Kein anderer Satz meiner jugendlichen Lektüren hat sich mehr in mein Gedächtnis eingeprägt als dieser, und kein anderer Satz hat mir je derart auf Anhieb eingeleuchtet – obwohl ich gewiss nicht sagen kann, dass ich ihn auch verstanden hätte. Aber ich konnte mir unmittelbar etwas unter einer Scham vorstellen, von der man das Gefühl hat, dass sie nicht einmal mit einem selbst vergehen wird. Schuld- und Schamgefühl vermischen sich häufig; aber die Scham über ein Unrecht, das man begangen hat, ist in der Regel um einiges haltbarer als das Schuldgefühl.

Es ist bezeichnend, dass es kein dem Entschuldungsritual der Beichte analoges Entschämungsritual gibt. Und selbst (oder sogar gerade) bei den läppischsten Peinlichkeiten, derer man sich schämt, führt eine Aussprache oft nur zur Intensivierung der Scham – denn es existiert auch so etwas wie eine Scham über die Scham. (Wogegen ein Schuldgefühl wegen eines Schuldgefühls doch ein eher ungewöhnliches Phänomen sein dürfte.) Zeit allein heilt gewiss manche Peinlichkeit, wenngleich man im Moment der Beschämung tatsächlich den Eindruck haben kann, manche Scham habe eine Halbwertszeit, die ein Menschenalter bei weitem übersteigt. Einigen wenigen Menschen wie Dieter Bohlen gelingt es, mit ihrer nahezu grenzenlos scheinenden Schamlosigkeit so in die Offensive zu gehen, dass man sich schier nicht vorstellen kann, was einen solchen Mann noch beschämen könnte.

Die unspektakulärste Strategie gegen allzu viel Schamqual scheint mir die Haltung der Selbstironie, die anerkennt, dass es wohl nichts Menschliches gibt, das a priori vor der Lächerlichkeit gefeit ist. Diese Einstellung mit der des «Humors» gleichzusetzen, ist nicht falsch, wenn man zugleich anerkennt, dass diese Selbstironie wohl eher milde melancholisch als wahnsinnig lustig gestimmt ist. Sie erspart einem auch nicht grundsätzlich die Scham, mildert aber vielleicht die Scham über die Scham und hilft einem dabei, sich ohne Selbstgerechtigkeit mit der Tatsache zu versöhnen, dass Peinlichsein eben auch ein Ausdruck von Lebendigsein ist.

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