Zum Hauptinhalt springen

Behüte mich vor dem Müesli

Vor 150 Jahren wurde Max Bircher-Benner geboren. Ein Grund zum Feiern? Nur sehr, sehr bedingt, findet unser Autor.

Es ist nicht so, dass ich mich komplett verweigere. Gerade in den Ferien schrecke ich vor neuen Anläufen nicht prinzipiell zurück, gibt es doch bei diesen Frühstücksbuffets häufig eine Müesliabteilung. Allein das Wort Müesli löst bei mir einen gewissen Widerwillen aus. Aber gutes Zureden der Gattin, die vom hohen gesundheitlichen Nutzen von Hafer­flocken (für alles), Leinsamen (für Darm) oder Kürbiskernen (für Prostata) schwärmt, lassen mich über den Schatten springen. Nach Croissant und Brötchen mit Butter und Konfitüre, nach etwas Wurst und Käse und vielleicht einem Löffel Rührei nehme ich vom Buffet zum Finale ein Müesli. Aber ich kann machen, was ich will: Ich mag es einfach nicht. Selbst wenn es mit von mir geliebten Beeren garniert ist. Und das Rezept für die Mutter aller Müesli, das Birchermüesli nach Maximilian Bircher-Benner, ekelt mich an.

Ich habe das Müesli nie vermisst. Im Normalfall gibt es für mich neben Kaffee ein Stück Konfi- oder Honigbrot zum Zmorge. Das reicht sicher bis Mittag, wenn es sein muss bis gegen Abend. Das lange hinhaltende Müesli soll morgendlichem Leistungsabfall und Heisshungerattacken vorbeugen. Ich nehme kein Müesli und falle gleichwohl nie in ein Loch. Wobei, vielleicht meine ich das nur. Die Eigenwahrnehmung ist nicht objektiv. Trotz meiner Abneigung: Das Birchermüesli ist eine der we­nigen, wenn nicht die einzige Schweizer Speise, die es zu grösserer internationaler Verbreitung geschafft hat.

Das Müesli hat sich durch­gesetzt, oft in sehr zweifelhaf­ten Abwandlungen, aber seit bei uns der Ernährungswahn ausgebrochen ist und das angeblich Gesunde weit mehr gewichtet wird als das Gute, hat das Original-­Birchermüesli oder Va­rianten, die ihm nahe­kommen, stark an Bedeutung gewonnen. Wie alle Ernährungsapostel hatte auch der studierte Arzt Max Bircher-Benner einen ausgeprägten Hang zum Missionieren. Mit esoterischem Anstrich. «Falsche» Ernährung war für Bircher die Wurzel fast allen Übels. In der von ihm entwickelten Diät waren nicht allein die Nährstoffe in den Lebensmitteln von Bedeutung, sondern primär die darin gespeicherte «Sonnenenergie». Wie das funktionieren soll und was es mit uns macht, wenn die «Energieströme» durch den Körper fliessen, konnte nie wissenschaftlich untermauert werden. Aber es klingt gut.

Bircher-Benners «Lichtnahrung», deren wichtigster Pfeiler das von ihm «Spys» genannte Müesli war, fand schnell Anhänger. Berühmtheiten wie Rainer Maria Rilke, Wilhelm Furtwängler, Otto Klemperer und Thomas Mann liessen sich in seinem ­Privatsanatorium «Lebendige Kraft» auf dem Zürichberg therapieren. Sie begaben sich freiwillig unter die Fuchtel des – logo – Vollbart und Sandalen tragenden Klinikleiters. Es herrschten strenge Sitten. Unter anderem wurden die Kurgäste im Garten regel­mässig mit kaltem Wasser abgespritzt. Thomas Mann schrieb von einem «hygienischen Zuchthaus».Die Gräuel des Zweiten Weltkriegs hat der Anfang 1939 im Alter von gut 71 Jahren an einem Herzinfarkt verstorbene Bircher-Benner nicht mehr miterlebt. Aber zuvor war er in so manchen Punkten nicht weit weg von nationalsozialistischem Gedankengut. Der Reichsärzteführer hatte ihm sogar eine Professur am Rudolf-Hess-Krankenhaus in Dresden angeboten. Bircher-Benner war keineswegs abgeneigt, blieb aber in Zürich. Meine Geringschätzung des Müeslis hat aber mit all dem nichts zu tun. Sie war schon da, ehe ich überhaupt etwas wusste von Bircher. Auch ohne Kenntnis von «Lichtnahrung» assoziierte ich das Birchermüesli seit jeher mehr mit Sonnenuntergang, ja Finsternis.

Was Max Bircher-Benner gepredigt hat, ist nicht durchs Band weg abwegig, im Gegenteil. Dass er den Menschen ganzheitlich verstand, war damals den meisten Ärzten noch fremd. Übrigens allzu oft auch heute noch. Dass er nach der Heirat mit der Elsässer Apothekertochter Elisabeth Benner den Doppelnamen Bircher-Benner trug und innert zehn Jahren sieben Kinder zeugte, macht den Müeslimann auch in anderen Punkten bemerkenswert. Mit anderen Worten: Ich gebe dem Müesli weiterhin eine Chance und werde auch in den nächsten Ferien keinen strikten Bogen machen um die Würgeecke am Buffet. Bis zu den nächsten Ferien dauert es zwar noch. Aber gut Ding will bekanntlich immer Weile haben.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch