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Das grosse Aufstossen

Die Marke Prosecco erobert die Welt. In der Schweiz ist man schon lange auf den Geschmack gekommen. Hier verdrängt der italienische Schaumwein den Champagner. Jetzt will die Prosecco-Region zum Unesco-Kulturgut werden.

Die Superiore-Flaschen sind an der DOCG-Etikette zu erkennen.
Die Superiore-Flaschen sind an der DOCG-Etikette zu erkennen.
Martin Burkhalter

Die Hänge fallen weinbewachsen unverschämt steil in herrliche Täler hinab. Ziegeldächer leuchten rot in all dem Grün. Es sind Landschaften wie aus der Zeit ­gefallen, verwunschen und ar­chaisch schön.

Sie heissen Conegliano, Valdobbiadene und Asolo. Hier fliesst, ja sprudelt er seit Generationen durch die Adern der Menschen, jener Nektar, der in der deutschsprachigen Schweiz oft etwas spöttisch nur Cüpli genannt wird.

Hier im Veneto aber, rund 50 Kilometer von der Lagunenstadt Venedig entfernt, ist er mehr als nur ein schäumender Wein. Er ist der Lebenssaft von Tausenden von Bauern.

Jeder, so scheint es, der hier auf halber Strecke zwischen den Dolomiten und der ­Adria lebt, ist irgendwie mit dem Prosecco verbunden, ist Teil jener Marke, die seit 2009 die Welt erobert.

Wie beim Emmentaler

Eine Eroberung, die verblüffende Parallelen mit dem Schweizer gastronomischen Exportgut schlechthin, nein, nicht der ­Schokolade, sondern dem Käse, hat. Ähnlich wie beim Emmen­taler AOP gibt es auch beim Prosecco seit 2009 nur eine Region, aus der das Original herkommt. Alles andere ist, na ja, eine billige Kopie.

Das kommt daher, dass der Name Prosecco vorher nicht nur für den Schaumwein, sondern auch für die Traube stand. Neu heisst die Traubensorte Glera. Und Prosecco DOCG (Denominazione di Origine controllata e garantita) darf sich heute nur nennen, was aus dem märchenhaften, historischen Kerngebiet zwischen Conegliano, Valdobbiadene und Asolo stammt.

Das sind fünfzehn Gemeinden, 7200 Hektaren Weinberge und 183 Produzenten, die dieses Gütesiegel tragen. Prosecco DOC (Denominazione di Origine controllata) dagegen bezeichnet ein Territorium von neun Gebieten, das auch Venedig und Triest einschliesst.

Alle Welt trinkt Prosecco

Und genauso wie bei unserem Käse gibt es nur einen Weg, gegen billige Konkurrenz anzukommen: mit Qualität und einer Geschichte, die in den Köpfen bleibt. In Italien macht man das so: Man wird zum Unesco-Kulturgut.

Seit sieben Jahren sind Wissenschaftler der Universität Venedig, Önologen, Minister und die Bürgermeister der angeschlossenen Regionen daran, das Dossier zusammenzustellen, um 2017 endlich, endlich in die heiligen Unesco-Hallen aufgenommen zu werden.

Der Moment ist nah und die Zeit ist reif, endgültig zur Weltmarke zu werden. Fünfzig Journalisten aus aller Welt sind dafür eingeladen worden: der Wein­experte und Importeur aus Japan, die Weinbloggerin aus Polen, der trinkfeste Moldauer, der gutmütige und weinselige Norweger, die kettenrauchenden Journalisten aus China.

Alle kamen sie hierher, um Glas um Glas, um Flasche um Flasche vom berühmtesten Schaumwein Italiens zu probieren, um anzustossen auf die prickelnde Glorie und um dann die frohe Botschaft von der Eroberung auch in der ganzen Welt kundzutun.

Die volksnahe Alternative

Dreissig verschiedene Weingüter können an diesem langen Wochenende besucht und so manches über den italienischen Sekt par excellence gelernt werden. Ein Wort aber wird nur geflüstert oder hinter vorgehaltener Hand ausgesprochen: Champagner.

Das habe nichts miteinander zu tun, sagen sie dann, am grossen Abend, in einer alten venezianischen Villa in Miane, wo alle zusammengekommen sind, um die Einreichung des Unesco-Dossiers zu zelebrieren.

Die Prosecco-Marketingvertreter, die Produzenten, die einfachen Bauern. Auch die Bürgermeister der angeschlossenen Gebiete und der Präsident der Region Venezien selber, Luca Zaia, geben sich ein Stelldichein mit dem regionalen und überregionalen Fernsehen.

Und man hört es und sieht es in den Augen jener, die hier in der dritten, vierten, fünften Generation an diesen steilen Hängen mit Schwerstarbeit die goldene Traube kultivieren: Il Prosecco è la mia vita. Prosecco ist mein Leben. E nel mio sangue. Er ist in meinem Blut.

Nein, vergleichen will man sich hier nicht mit dem weltweit als wohl festlichsten aller Getränke bekannten Verwandten aus der Champagne. Dabei muss sich der Prosecco nicht schämen und sich kleinmachen schon gar nicht.

Während der französische Konkurrent immer noch etwas für die oberen Zehntausend zu sein scheint, ist der Prosecco die volksnahe Alternative sozusagen, ein prickelndes, feierliches Erlebnis für alle. Sein Kapital ist die Einfachheit, die Frische, das Alter und ja, vor allem: der Preis, Champagner ist oft doppelt so teuer. Die Zahlen belegen es: In den vergangenen zehn Jahren nahm der weltweite Konsum um 30 Prozent zu. Während der Verbrauch von Cava und Champa­gner stagniert.

Wichtiger Schweizer Markt

Über 300 Millionen Flaschen Prosecco werden mittlerweile jährlich abgefüllt, und gerade auch die Schweizer haben eine offene Kehle für den italienischen Schaumwein. Vor allem für die die edelsten Erzeugnisse der Region.

Die Sprecherin des Kon­sortiums, Giulia Pussini, sagt: «Die Schweiz ist nach Deutschland der wichtigste DOCG-Absatzmarkt.» 2015 wurden über 83,5 Millionen Superiore-Flaschen produziert. Davon wurden 6,5 Millionen in die Schweiz exportiert, nur rund 200'000 weniger als nach Deutschland.

Dass in der Schweiz der Pro­secco nicht erst seit gestern dem Champagner das Podest streitig macht, weiss auch Aldo Franchi. Er ist ein Produzent und Ex­porteur aus der Region Valdobbiadene. Seinen Val-d’Orca-Prosecco liefert er schon seit Ende der 1990er-Jahre in die Schweiz, auch in die Prodega nach Schönbühl.

Aldo Franchi liefert schon lange Prosecco in die Schweiz. Zum Beispiel nach Schönbühl. Bild: Martin Burkhalter
Aldo Franchi liefert schon lange Prosecco in die Schweiz. Zum Beispiel nach Schönbühl. Bild: Martin Burkhalter

«Für mich ist der Schweizer Markt wichtiger als Deutschland, weil in der Schweiz Qualität geschätzt wird», sagt er an diesem Samstagabend und lächelt wie jemand, der liebt, was er tut.

Und es wird getrunken, probiert, nachgeschenkt, angestossen und aufgestossen, weil: Kohlensäure!, Mehrgänger werden aufgetischt, und zu jedem Häppchen gibt es eine andere Flasche, brut, extra dry und dry, alles von trocken bis ganz süss, frizzante oder spumante.

Und so geht es das ganze Wochenende von Weingut zu Restaurant, zu Schloss, zu Lustgarten, es ist ein grosses, sprudelndes, prickelndes Fest. Und nach vier Tagen solch perligen Feierlichkeiten hat man drei Dinge gelernt: der Zustand nach tagelangem Prosecco-Trinken nennt sich «angesäuselt», richtig betrunken ist man nie, und wenn man Wasser dazu bestellt: immer ohne Kohlensäure.

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