Frommer Angriff auf die Kinderaktion der Migros

Gläubige aus Freikirchen laufen Sturm gegen Amulette mit Tierzeichnungen, die sie als esoterische Sammelobjekte werten.

«Ein Schlag ins Gesicht der Eltern»: Viele Christen können sich für die neue Kinderaktion der Migros gar nicht erwärmen.

«Ein Schlag ins Gesicht der Eltern»: Viele Christen können sich für die neue Kinderaktion der Migros gar nicht erwärmen.

(Bild: PD)

Hugo Stamm@HugoStamm

Mit geharnischten Mails und Briefen protestieren aufgebrachte Mitglieder von Freikirchen bei der Migros. So wirft beispielsweise ein Kunde in einem Brief an Claude Hauser, Präsident der Migros-Verwaltung, dem Grossverteiler Entmenschlichung vor. Die Kinder würden in der neuen Sammelaktion «Animanca – entdecke die Tiere in dir» angeleitet, kleine Schamanen zu werden.

Die kleinen Kunden würden gar ermuntert, magische Steine mit geheimnisvollen Symbolkräften zu sammeln und seltsame Kräfte zu wecken. Der Slogan «Weck das Tier in dir!» sei für Eltern ein Schlag ins Gesicht.

«Tönt recht esoterisch»

Die Kritik der frommen Christen trifft auch das «Migros Magazin». Auf der Titelseite blicke den Leser ein Kind an, das fratzenhaft fauchend zum Tierchen umgestaltet worden sei. Andere Gläubige kritisieren, dass der Grossverteiler mystische Tieramulette als Sammelobjekte verteile. Tatsächlich umfasst die Sammelaktion 48 flache Steine mit stilisierten Tieren, die als Amulett um den Hals gehängt werden können. Dazu gibt es ein Heft, das den Kindern die Tiere näherbringt. Für einen Einkauf über 20 Franken erhalten die Kinder einen Tierstein.

An der Aktion stört sich auch Jesus.ch, eine Internetplattform aus dem freikirchlichen Umfeld. «Mystische Steine, die das Tier und Kräfte in uns wecken? Tönt doch recht esoterisch», heisst es in einem Artikel. Einem Amulett würden magische, energetische Kräfte zugeschrieben, die für Esoteriker als Mittler zwischen höheren Mächten und uns Menschen dienen.

«Das widerspricht der christlichen Tradition»

Fritz Imhof vom Verband Evangelischer Freikirchen (VFG) teilt die Meinung von Jesus.ch. Der Glaube an die Kraft der Steine sei Aberglaube und widerspreche der christlichen Tradition, sagte er gegenüber «20 Minuten». Den Kindern würde vorgegaukelt, Glück und Kraft hingen von Gegenständen ab.

Thomas Hanimann, Sprecher der Schweizerischen Evangelischen Allianz, beurteilt die Sammelaktion gelassener: «Ich bin nicht alarmiert», sagt er. Man könne aber durchaus darüber streiten, wie sinnvoll die Animanca-Aktion sei. Immerhin gebe sie aufmerksamen Eltern die Möglichkeit, mit ihren Kindern über Fragen rund um Esoterik und Aberglauben zu diskutieren. «Da man esoterische Ideen immer missbrauchen kann, verstehe ich Leute, die sich mit der Migros-Aktion schwertun», gibt Hanimann zu bedenken.

Überraschte Migros

Die Verantwortlichen der Animanca-Aktion wurden von der harschen Kritik aus dem freikirchlichen Umfeld überrascht, wie Migros-Sprecherin Monika Weibel bestätigt. «Uns war nicht bewusst, dass religiöse Kreise hinter der Aktion magische oder esoterische Aspekte entdecken könnten», sagt sie. «Wir wollen den Kindern die Eigenschaften der Tiere näherbringen, sie sollen sich an einem Tag wie ein schlauer Fuchs fühlen und am nächsten Tag wie ein flinker Hase.» So würden nur die positiven Eigenschaften der Tiere thematisiert. Die Migros verfolge mit der Aktion spielerische und erzieherische Ziele.

Für Psychologen und Pädagogen gehört die Identifikation von Kindern mit Fähigkeiten von Tieren zu einem sinnvollen Entwicklungsprozess. Geistig in die Rolle eines schnellen Leoparden oder akrobatischen Gibbon zu schlüpfen, gehört für Fachleute zu einem Rollenspiel, das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten fördert.

Psychotherapeut Peter Hain gibt zu bedenken, dass der Slogan, Kinder sollten das Tier in sich wecken, fragwürdig sei. Rollenspiele seien aber wichtig: «Wenn Kinder in eine Rolle schlüpfen, fällt es ihnen leichter, die gewünschten Fähigkeiten zu entwickeln; die gespielten Tiere müssen aber nicht Teil der Persönlichkeit werden. Mit Magie, Aberglaube oder religiösem Empfinden hat die Migros-Aktion aus psychologischer Sicht aber nichts zu tun.»

Tages-Anzeiger

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