Raus aus dem Kessel, rein in die Isolation

Werden Städter mürbe, ziehen sie gerne aufs Land. Wieso Sie Glück nicht mit Topografie verknüpfen sollten.

Grün, gesichtslos, anonym und mit Waldanschluss: Eine Wohnsiedlung auf dem Lande. Foto: Urs Jaudas

Grün, gesichtslos, anonym und mit Waldanschluss: Eine Wohnsiedlung auf dem Lande. Foto: Urs Jaudas

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«Wie lange bleibt ihr noch in der Stadt?» Das ist eine Frage, die einem vor dem 30. Geburtstag nie gestellt wird. Danach aber in immer engerer Taktung und so oft, dass man kurz vor dem 40. das Gefühl hat, man sei langsam der Letzte. Der Letzte aus der Alterskohorte, der im Innenstadtbereich ausharrt. Der letzte Mieter sowieso.

Die Frage klingt zu diesem Zeitpunkt nicht mehr harmlos, sondern eher wie eine Aufforderung, sich altersgerecht zu verhalten und sich hinaus zu bequemen ins sogenannte Grüne. Dorthin, wo noch genügend Stauraum ist. Weil man ja immer mehr Platz braucht, für sein Bindegewebe, die Kinder, Hunde, Campingbusse und was sich sonst so angesammelt hat.

Viele denken nicht lange darüber nach, dass sie mit der Stadt auch ihre Heimat verlassen.

Es ist der klassische Verlauf: vom zentralen WG-Zimmer in der Innenstadt zur Pärchenwohnung in einem der guten Stadtviertel zum Familienheim am Rand oder auf dem Land. Es sind die vorgesehenen Wohnstationen des Lebens, und viele haken sie ab, ohne lange darüber nachzudenken, dass sie mit der Stadt eigentlich auch ihre Heimat verlassen. Sie hingeben für das reichlich unklare Grüne oder einen gesichtslosen Ort im Speckgürtel. Dreissig Jahre später stehen sie als alte Leut vor einem Haus voller leerer Kinderzimmer am Waldrand. Wie Schrotkugeln, die plötzlich Heimweh nach der Flinte haben.

Dieser programmierte Exodus führt zu einförmigen Besiedlungen, das kann man in Städten wie London und New York schon gut beobachten. Er sortiert die Jungen, Singles und Reichen mit ihren Singles- und Reichenplätzen in die Innenstädte, die Studenten in die Studentenviertel, die Kleinfamilien an die Ränder und die Grossfamilien nahezu unsichtbar nach ganz draussen, wo die S-Bahnen halten. Die Vielfalt, die Interaktion aller Alters- und sonstiger Schichten, die gemeinsame Öffentlichkeit, kurz, das, was immer das beste Argument für die Stadt war, geht mit dieser Segregation verloren. Aber was hilft es? Wer im Zentrum mehr Platz als drei Zimmer beansprucht, ist, zumindest in Städten wie München oder Zürich, entweder verrückt oder sehr wohlhabend.


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Städte als Epizentrender Depression?

Also zurück zur Ausgangsfrage, auf der man ja doch beständig herumkaut: Stadt oder Land? Wann ziehe ich die Rausleine? Und wie weit raus? Man muss kein besonders naturbewegter Mensch sein, um nach ein paar Jahren in der Stadt Zweifel zu bekommen: die Preise, die Enge, der Feinstaub, der allgemeine Kesseldruck. Dieser tägliche Krieg zwischen Hundehalter, Velofahrer und SUV-Lenker. Diese ungute Gemengelage aus Baustellen, Bevölkerungsämtern und Bierdampfbusnachbar. Das kann einen krank machen oder zumindest mürbe, und diese Empfindung dupliziert sich mit jedem Kind, keine Frage.

«Verlasst die Städte!» schrieb vor einigen Wochen die deutsche Autorin Charlotte Roche in einer viel beachteten Kolumne. Darin schilderte sie ihren Umzug aufs Land und wie sie dadurch ihren inneren Indianer entdeckt hat, jetzt mit dem Hund im Waldherumtollt, Tierkot bestimmt und Pilze sucht. Sogar die Schönheit des Sternenhimmels nahm einigen Raum ein. Städte sind für sie heute die Epizentren der Depression.

Idealisierung des Landlebens ist zu simpel

Die Reaktionen auf diesen Text waren vielfältig. Die Twitter-Leserschaft war irritiert von der Bauernhofromantik. Andere hämten über die Pilcherisierung der Buchmillionärin, die wenig mit der Realität des echten Provinzlebens zu tun habe. Viel Applaus gab es auch, von anderen Stadtflüchtlingen.

Nun sei Frau Roche eine Lebensmitte in idyllischer Alleinlage herzlich gegönnt. Sie hat vermutlich genug städtische Crazyness erlebt, um damit zwei Fachwerkhäuser zu füllen. Ihre Idealisierung des Landlebens ist aber trotzdem zu simpel. Denn alles, was sie als Vorteile für den Auszug anführt, kann man mit ein bisschen bösem Willen auch als Nachteile auslegen. Das Annähern an die Natur, das Selbstfinden in der Stille, die Rückbesinnung auf Hund und Familie lassen sich problemlos als jene Isolation interpretieren, mit der Stadtflüchtlinge oft schneller in Kontakt kommen als mit Rotkehlchen und Kartoffelernte.

Städte schaffendie Software der Zivilisation

Bei der Stadt-Land-Abwägung wird meist zu wenig bedacht, dass da draussen seit jeher ein eigener Film läuft, in den man mit seinem «Landliebe»-Abo und den neuen Gummistiefeln unsanft hineinplatzt. Das wird selten thematisiert, weil heute ja wunschgemäss alles gleichzeitig erlebbar sein soll. Landleben und Stadtdenken, Verwurzelung und völlige Freiheit, Anonymität und sozialer Anschluss. Meist fremdeln die Rauszieher aber in den Dörfern und Gemeinden. Wer von den Neuen geht gleich in den Schützenverein, wer begreift die Fehden und Gewaltenteilungen, die in jeder Gemeinde und jedem Dorf wirken? Niemand.

Lieber zieht man sich alsbald ins Einfamilienhaus zurück und kaschiert das als Errungenschaft, genau wie die Samstagsausflüge in den Baumarkt. Das erträumte aktive Landleben bedeutet dann in Wahrheit: Man stellt Hecken und Zäune auf, baut dem Kind einen Spielplatz in den Garten und sich einen Pool, es kommt ein Riesenfernseher mit Netflix ins Wohnzimmer, eine Espressomaschine in die Küche, ein Supergrill in die Garage.

Man verhängt sich mit diesem Klimbim selbst eine Ausgangssperre. Schon hat man vergessen, dass es Kinos, Freibäder und Cafés, Bars oder Spielplätze gibt und dass man mal Teil der Öffentlichkeit war. Als Ersatz beginnt man irgendeine erbitterte Nachbarschaftsfehde. Alles, was einen die Stadt gelehrt hat, zwischenmenschliche Geschmeidigkeit und Kompromissbereitschaft, geht hinter der eigenen Hecke wieder flöten. Und das lässt sich mit Sternbildern und Steinpilzen nicht kompensieren.

Alles, was einen die Stadt gelehrt hat, geht hinter der eigenen Hecke wieder flöten.

Es ist die grösste, schleichende Gefahr des Hinausziehens – man kreist im geistigen Sinkflug nur immer enger um sich selbst. Depression soll in den Städten entstehen? Das widerlegt schon jeder Spaziergang durch ein beliebiges Neubaugebiet. Oder die Zahl der populistischen Frustwähler auf dem Land.

Toll, dass die Kinder einfach in den Garten können, sagt man, wenn man auf Besuch ist. Nicht so toll, dass die Eltern in ihrem Garten niemanden mehr kennen lernen und ein bisschen vergessen, wie die Welt funktioniert. Die Enge der Stadt bedeutet immer Reibung, Austausch, Zwang zu Interaktion, Planung und Auskommen. Wenn man mit den Kindern täglich aus der Wohnung im dritten Stock rausmuss, weil alle sonst verrückt werden, kapieren sie früh, woraus die Welt besteht: aus allerlei Menschen mit unterschiedlichen Vorstellungen, aus Gefahr, Gemenge, Rücksicht, Toleranz, Kommunikation und steter Veränderung. Die Software der Zivilisation, sie wird in den Städten weiterentwickelt.

Oder ist der Speckgürteldie Lösung?

«Und, wie lange bleibt ihr noch in der Stadt?» Der Fehler dieser Frage liegt auch darin, dass so getan wird, als ob Stadt und Land beliebig zu tauschen wären wie die Nummernschilder am Auto. Als wäre das Land nur ein opulentes Update des Stadtlebens. Warum lautet die Frage nicht: «Und, wann zieht ihr in eine lebenswertere Stadt?» Stattdessen hält man es für richtiger, sich zum 42. Geburtstag 50 Kilometer vor der Stadtmauer niederzulassen.

Eine andere Stadt würde ja bedeuten, dass man sein Leben richtig ändern muss, mit neuem Job, neuen Freunden, neuen Ärzten. Das alles bleibt halbwegs, wenn man sich nur ein wenig hinauswagt. Man motorisiert sich stärker, der Integrationsdruck ist nur so mittel. Kein Wunder, dass einen die Einheimischen die ersten 40 Jahre lang nicht grüssen. Zum Dazulernen und für ein bisschen Demut sind sich die Neuen meist zu fein. Wenn Städter vom Land reden, klingt es oft wie von einer Kolonie, die mit ihren Ressourcen Lebensqualität und guter Luft nur darauf wartet, ausgebeutet zu werden.

Was ist jetzt also mit der Einstiegsfrage? Wohin soll man, wenn man ein gutes Leben möchte? Die Stadt ist auf Dauer toxisch und kräftezehrend. Das richtige Landleben hat wenig mit Kuhweiden-Werberomantik zu tun. Es verlangt tonnenweise Idealismus und trägt – für Zugezogene – die Schrecken der Verödung und des Eigenbrötlertums in sich. Sicher, wer in der Stadt unglücklich ist, kann auf dem Land glücklich werden. Wer aber in der Stadt halbwegs glücklich war, bleibt es auf dem Land vermutlich nicht.

Kompromiss eingehen

Deshalb gibt es ja die dritte Variante, das Umland, den Speckgürtel. Eine Kompromisslandschaft, in der es zwar schon teure Gartenanteile und Haushälften gibt, aber noch keine richtigen Kühe, Seen oder sonstige Naturphänomene. Wo man bereits zwei Autos braucht, aber noch keine Vereinsmitgliedschaft. Das Beste aus beiden Welten findet sich im grossstadtnahen Umland. Oder das Schlechteste, je nach Sichtweise.

Womöglich wären kleine Städte eine Überlegung wert. Verschlafen genug, um zur Ruhe zu kommen, belebt genug, um sich nicht allein zu fühlen? Vielleicht. Oder wir hören einfach auf, unser Lebensglück mit der Topografie zu verknüpfen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2018, 17:58 Uhr

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