Trotz Psychoterror liess sie sich nicht brechen

Das Sektenopfer Lea Laasner kämpft sich nach der Flucht erfolgreich durchs Leben. Besonders eine Hypothek aus der Sektenzeit beschäftigt die junge Frau aber weiter.

Meistert ihr Schicksal souverän: Lea Laasner.

Meistert ihr Schicksal souverän: Lea Laasner.

(Bild: Keystone)

Hugo Stamm@HugoStamm

Sie ging als Mädchen durch die Hölle, kämpfte gegen einen rabiaten Guru und flüchtete unter dramatischen Umständen aus der Sektenisolation im Busch von Belize, Zentralamerika: Die Geschichte von Lea Laasner wurde gestern Freitag in einem Dokumentarfilm des Schweizer Fernsehens nachgezeichnet. So holt die Vergangenheit die 30-jährige Frau wieder ein.

Mit 13 wurde Lea aus dem beschaulichen Leben in Pfungen ZH gerissen. Fasziniert von esoterischen Ideen, schloss sich ihre Mutter über Nacht einem deutschen Guru an. Die beiden Kinder und ihr Mann hatten keine Wahl. Er gab seine Existenz aus Liebe auf und verkaufte Haus und Architekturbüro.

Sexueller Missbrauch durch den Guru

Für Tochter Lea ein fataler Entscheid. Der korpulente Guru stürzte sich auf das schmächtige Mädchen. Der Vater wurde ungewollt Augenzeuge des ersten sexuellen Übergriffs und wollte protestieren, doch der Guru klopfte ihn weich. Das sei eine grosse Chance für Lea, spirituell zu wachsen, redete er ihm ein.

Lea schrie stumm. Sie wurde von den Eltern entfremdet und konnte sich niemandem anvertrauen. Die Praktiken ihres Peinigers wurden härter. Weil sie nicht hörbar schreien konnte, machte sie mit Essstörungen auf ihr Leiden aufmerksam. Doch auch diese Sprache verstand keiner. Die Kultmitglieder träumten lieber von der Erleuchtung. Manchmal schien ihr ein Suizid der einzige Ausweg zu sein.

Trotz Psychoterror bewahrte Lea Laasner ein gesundes Empfinden und einen Gerechtigkeitssinn. Die Erwachsenen erlagen der Indoktrination, doch sie liess sich nicht brechen. Als sie sich wehrte, drohte ihr der Guru und steckte sich die geladene Pistole in den Mund.

Ausgezeichnet für ihren Mut

Trotzdem gelang Lea Laasner später die Flucht – und sie sprengte die Sekte. Sie kam ohne Schulabschluss in die Schweiz. Obwohl sie nicht wusste, wie ein Ticketautomat funktioniert, arbeitete sie schon nach zwei Wochen in einem Restaurant. Rasch holte sie die Schulbildung nach, machte die KV-Lehre, absolvierte die Berufsmatura und studiert heute Psychologie. Eine Therapie lehnte sie damals ab, statt dessen schrieb sie ihre Lebensgeschichte («Allein gegen die Seelenfänger») nieder. So gewann sie eine neue, eigene Identität – und den Prix Courage.

Trotz Warnungen entschloss sie sich, den Guru einzuklagen. Sie wollte Gerechtigkeit. Noch einmal ging sie durch die Hölle: Verhörartige Befragungen bei Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht. Am schlimmsten war das Glaubwürdigkeitsgutachten in Berlin. Ein Kreuzverhör schlimmer als bei der Justiz. Das Resultat entschädigte sie, der Psychologieprofessor gab ihr Bestnoten. Dann der nächste Tiefschlag. Der Guru tauchte drei Tage vor Prozessbeginn ab. Ein Zielfahnder sucht ihn seither vergeblich. Dass Lea Laasner ihr Schicksal so souverän meistert, grenzt an ein Wunder. Die ruhige, zurückhaltende junge Frau hat dank ihrer inneren Stärke die traumatischen Erlebnisse verarbeitet und ist daran, ihre Lebensziele zu verwirklichen. Heute hat sie eine gute Beziehung zu ihrem Vater, der in Belize als Architekt arbeitet. Ihre Mutter lebt immer noch im Sektenwahn, Lea Laasner hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihr. Diese Hypothek ihrer Sektengeschichte belastet sie am meisten.

Hugo Stamm hat Lea Laasner geholfen, ihre Lebensgeschichte aufzuschreiben.

Tages-Anzeiger

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