Beglückendes Singen, zweite Strophe

Psychoanalytiker Peter Schneider beantwortet Fragen zur Philosophie des Alltagslebens.

Peter Schneider@PSPresseschau

Beglückendes Singen, zweite Strophe
Ich finde es extrem einseitig, dass Sie für Sänger nur rechtsradikal-militaristische Assoziationen aufbringen können: Horst-Wessel-Lied, Marseillaise und Marine Le Pen. Gehts eigentlich noch? J. F.

Dass Singen tatsächlich glücklich macht, ist wissenschaftlich bewiesen. Beim Singen regt das Gehirn vermehrt die Ausschüttung der Glückshormone Dopamin und Serotonin an, dazu das Empathiehormon Oxytocin, das als Gegenspieler des Stresshormons Cortisol bezeichnet wird. Singen ist sogar gesund, weil im Speichel singender Menschen deutlich erhöhte Immunglobulin-A-Werte, Abwehrkräfte gegen Infektionen, nachgewiesen wurden. Warum also nicht vom Zuhörer zum Sänger werden? V. L.

Singen bringt Glücksmomente, macht kreativ, wirkt stressentladend, beruhigend und vieles mehr. Die Frage lautete nicht «Warum ist Singen problematisch»! Dies sollten Sie als Psychoana­lytiker wissen und es den Leuten auch positiv vermitteln. U. H.

Liebe Leserinnen und Leser

Gleich wäschekorbweise erreichten mich Mails zu meiner Kolumne zum Thema Singen von letzter Woche. So viel Dissonanz war selten. Bevor ich darauf eingehe, zunächst die Korrektur eines Patzers: In «Casablanca» singt Major Strasser nicht den «Schönen Westerwald», sondern die «Wacht am Rhein». Ich bitte um Verzeihung.

Und nun sollte ich wahrscheinlich klarstellen, dass ich selber gern singe. Nicht tonrein, aber inbrünstig. Sie müssen mich also nicht bekehren. Ob Singen gesund ist, geht mir allerdings völlig an den Stimmbändern vorbei. Dieses grässliche Gesundheitsmanagement, das auch zweckfreie Betätigungen unter seine Fuchtel nimmt, kann mich mal am Abend besuchen! Und positiv muss ich den Menschen auch nichts vermitteln. Erst recht nicht als Psychoanalytiker. Bleibt die Frage, welches Teufelchen mich denn geritten hat, als mir zum Singen vor allem diese bösen (oder mindestens doch recht ambivalenten) Assoziationen in den Sinn kamen.

Das hat etwas mit meiner Aversion gegen überzogene Verallgemeinerungen zu tun und mit dem Widerwillen, manche Betätigungen ungeachtet ihres Inhalts heilig zu sprechen. So mag ich zum Beispiel auch nicht DAS Lesen preisen. Ich ziehe jedes kitschige Youtube-Tierli-Video der Lektüre der «Protokolle der Weisen von Zion» vor (ja, ja, ich weiss – schon wieder. Aber es ist nicht leicht zu vergessen, dass auch in den Konzentrationslagern musiziert wurde). Es gibt keine sogenannte «kulturelle» Tätigkeit, die aus sich heraus schon wertvoll ist – mag sie noch so gesund sein. Mir ist es wurscht, ob besoffene Studenten bei ihrem Gegröle Dopamin ausstossen. Mir macht solcher Gesang bloss Angst. – Weitersingen!

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