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Blondinen, knappe Röcke, Pfefferminzliqueur

Ossis gelten als höflich und arbeitsam. Am Wochenende aber brechen sie mit anderen Ostdeutschen aus und gehen tanzen. So auch vergangenen Samstag im Fellini in Roggwil TG.

Wenn man auf der Suche nach Mentalitäten und Identitätsstiftung hinterrücks von Klischees niedergeknüppelt wird, dann ist das unschön. Dabei läuft in der Samstagnacht, die schon Sonntag ist, eigentlich alles bestens an der dritten Ossi-Party im Fellini. Der Parkplatz vor dem Club ist voll. Trabant ist keiner in Sicht, dafür vornehmlich Ostschweizer Kennzeichen.

Das Ehepaar Grählert kommt aus Gossau, also eigentlich aus Hoyerswerda. Der 27-jährige Jan arbeitet im Stahlbetonbau, die ein Jahr jüngere Aniko ist Filialleiterin im Detailhandel. Es sei einfach was anderes, wenn Ossis zusammen feiern, sagt Aniko. Wessis seien verklemmt, Ossis dagegen wüssten zu feiern. Jan ergänzt, es gebe weniger Ärger. Und, ja, in der Schweiz würden sie sich sehr wohlfühlen. «Warum wären wir sonst hier?»
Stereotypen überall

Die Party kommt angenehm ausschweifend daher. «So, liebe Ossis, alle Hände in die Luft», heizt DJ Marlon mit Leipziger Schnauze den schon kochenden Dancefloor an. Dann lässt er Rave auf die 350 Partygänger niederprasseln. Der Frauenanteil ist hoch. Sie kreischen. «Insomnia» von Faithless. Zwickau liegt am Bodensee, Ostdeutschland ist schlaflos vor Party. Ossi-Mädels sind im Fellini stereotypisch blond, tragen knappe Röckchen, sind bei Westernhagen-Songs Verfechterinnen des romantischen Slow-Dance und pfeifen sich gerne einen Pfefferminzliqueur rein. Das männliche Pendant an der Ossi-Party ist zwischen 20 und 40 Jahre alt, trägt die Haare kurz, hat einen gut trainierten Körper, den er mit harter Arbeit werktags und Bier am Wochenende stählt. Alkohol verträgt Jan Nowitzki heute Abend nicht, er hat Bauchschmerzen. Der 31 Jahre alte Ostberliner lebt in Feldkirch, wo er als Heiztechnik-Ingenieur arbeitet. Ossi-Party, das sei vergleichbar mit Ausländer-Kulturvereinen: türkischer Folklore-Abend, italienischer Pastaschmaus und Ossi-Party. Er sei aber zuerst mal Berliner. Ossi, Deutscher, Europäer: Diskrepanzen zwischen West und Ost habe er nie miterlebt.

Früher lebte sie in Magdeburg, nun in Rorschach, leitet ein Fitnesscenter: die 35-jährige S.G. Ossis hätten Fitness nicht eher nötig, das tue jedem gut. Aber sie habe viele ostdeutsche Kunden, sagt sie und lässt im Rahmen einer Promo-Aktion das Gewicht einer Hantel schätzen. Zu gewinnen gibt es Gratislektionen. Wenn man wisse, dass das Gegenüber Ossi sei, wisse man, was Sache sei. Das sei bequemer, unter Ossis. Könne man vielleicht auch mit Solidarität unter Leidensgenossen vergleichen. Viele hier hätten die Mauer noch erlebt.
Nicht jeder darf rein

Mauern sind längst gefallen. Zu essen gibts Hongkong-Würstchen, dazu Sounds von Ballermann bis Balaton, gespickt mit Kuschelrock. An der Bar erfährt man, dass das Publikum angenehm drauf sei, Ossis höflich seien und immer Danke sagen würden. Dem kann der Arboner Fabio Ghilardi (21) nur zustimmen. Er ist für den Einlass verantwortlich, einer der ganz wenigen Schweizer heute Abend. Ostdeutsche kenne er privat als anständige, nette Leute. Aber jeder zweite Ossi stünde politisch rechts. Deshalb sei man beim Einlass, was Nicht-Ossis betreffe, sehr zurückhaltend.

Die 19-jährige Leipzigerin/Arbonerin Michelle Dittman sagt es ganz offen: «Ich komme mit Ossis besser klar als mit Schweizern.» Sie arbeite gerne als Kinderbetreuerin in der Schweiz. Aber Ostdeutschland bleibe ihre Heimat, mindestens dreimal im Jahr fährt sie nach Hause. Und am meisten vermisse sie die leckeren Kohlrouladen.

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